Hauchdünn

von Thomas Schmenger

Die Kritische Zone

Nimm einen Apfel in die Hand, ganz gemütlich, so wie man es am Küchentisch tut. Du setzt das Messer an, drehst langsam, und die Schale löst sich in einem einzigen dünnen Band – kaum einen Millimeter dick, und doch ist sie es, die den Apfel überhaupt zusammenhält, vor dem Austrocknen schützt, ihm seine Farbe gibt. Das Fruchtfleisch darunter ist der weitaus größere Teil, aber ohne diese hauchdünne Hülle wäre der ganze Apfel binnen Stunden verdorben.

Genau so verhält es sich mit der Erde. Der Philosoph Bruno Latour nannte genau diesen hauchdünnen Bereich einmal die “kritische Zone” – jenen schmalen Saum zwischen Gestein und Himmel, in dem sich überhaupt erst entscheidet, was wir Leben nennen. Latour, der sich in seinen letzten Lebensjahren intensiv mit der Erdsystemforschung beschäftigte, drehte damit eine vertraute Perspektive um: Nicht der Mensch steht im Zentrum des Planeten, sondern er klammert sich, wie alles Lebendige, an eine Haut von wenigen Kilometern Dicke.

Warum ausgerechnet dieser Begriff? Weil “kritisch” hier doppelt gemeint ist – kritisch im Sinne von entscheidend, aber auch kritisch im Sinne von gefährdet. Genau jene Schicht, in der Böden entstehen, Wurzeln wachsen und Wolken sich bilden, ist zugleich die Schicht, die menschliches Handeln am stärksten verändert.

Und die Zahlen dahinter sind, gemessen am Radius der Erde, geradezu lächerlich klein. Irgendeine Form von Leben – zäh, genügsam, mikrobiell – lässt sich in einem Streifen von etwa 30 bis 35 Kilometern nachweisen, von der Stratosphäre bis tief ins Gestein. Für den Menschen ohne jedes Hilfsmittel schrumpft dieser Streifen weiter zusammen, auf gerade einmal 5,5 Kilometer zwischen den tiefsten und höchsten dauerhaft bewohnten Orten der Welt. Eine Apfelschale, könnte man sagen, innerhalb einer Apfelschale.

Nun aber wird genau diese Schicht geschält – nur diesmal nicht behutsam mit dem Messer, sondern mit einer Wucht, die die Schale selbst beschädigt. Das Wasser, das durch diese Zone zirkuliert, versickert, verdunstet, Flüsse speist – wird knapper, verschmutzter, unberechenbarer in seinen Kreisläufen. Die Luft, die dieselbe dünne Hülle durchströmt, verändert sich in ihrer Zusammensetzung schneller, als es die kritische Zone in ihrer gesamten Geschichte je erlebt hat. Was Latour meinte, wird damit auf beunruhigende Weise konkret: Die Schale, von der alles abhängt, wird gerade dünner geschnitten, als sie es verträgt – und niemand hält dabei ein zweites Messer bereit, um sie wieder anzusetzen.