Kennst du das? Die Großeltern schwärmen von Sommern, in denen man noch ohne Klimaanlage schlafen konnte, während für die Enkel 35 Grad im Juli längst normal sind. Genau das ist Shifting Baseline Syndrome (SBS): Jede Generation hält den Zustand für “normal”, den sie selbst als erste erlebt hat – auch wenn er längst ein verschlechterter ist. Die Forschung dazu ist widersprüchlicher, als der Begriff vermuten lässt.
Weltweit verbreitet. Masashi Soga und Kevin Gaston (Unis Tokio/Exeter) werteten 2024 in BioScience 73 Fallstudien aus 843 gesichteten Arbeiten aus: SBS zeigt sich global, bei Klima, Artenschwund, Luftqualität – jüngere Menschen setzen ihre Messlatte tendenziell niedriger an. Link
Aber: nicht überall. Eine britische Studie (Jones et al., 2021, Journal of Environmental Management) befragte 44 Naturschützer zu Vogelbeständen – wie ein Förster, der seit Jahrzehnten denselben Wald kennt und gefragt wird, ob früher wirklich mehr Vögel sangen. Ergebnis: Erfahrung machte keinen messbaren Unterschied in der Einschätzung. SBS könnte im Naturschutz-Alltag also weniger Gewicht haben als gedacht. Link
Auch beim Wissen selbst. Eine Übersicht von 84 Studien (Hanazaki et al., 2013, Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine) zu Pflanzenwissen – etwa: Kennt die Enkelin noch die Heilkräuter, die die Oma auf dem Markt erkannte? – fand in 54 Prozent der Fälle Belege für schwindendes Wissen zwischen den Generationen, in 37 Prozent nicht. Link
Fazit: Global scheint das Phänomen real, im Detail (Fachleute, konkretes Wissen) ist die Lage uneinheitlich – vermutlich, weil “Wahrnehmung” schwerer zu messen ist als ein Fischbestand.
