Ich bin, weil wir sind
Es gibt Wörter, die wandern. “Ubuntu” ist so eines. Millionen Menschen kennen es, ohne es zu wissen: als Name eines kostenlosen Computer-Betriebssystems, das der südafrikanische Unternehmer Mark Shuttleworth 2004 auf den Markt brachte. Er hätte sein System auch “Linux Deluxe” nennen können. Er nannte es nach einer Lebensphilosophie:
Menschlichkeit entsteht durch andere Menschen.
Zwanzig Jahre später ist daraus ein globaler Trend geworden. Managementberatungen bauen Workshops darum, Sozialarbeiterinnen berufen sich darauf, Sachbuchautoren widmen ihr ganze Regalmeter. Was haben eine südafrikanische Dorfgemeinschaft und ein Vorstandsseminar in Frankfurt gemeinsam?
Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen
Ubuntu stammt aus den Bantusprachen des südlichen Afrikas, aus dem Zulu und verwandten Nguni-Sprachen. Der Kernsatz “umuntu ngumuntu ngabantu” wurde im Westen zur Kurzformel “Ich bin, weil wir sind”. Bekannt gemacht hat ihn vor allem Erzbischof Desmond Tutu, der 1996 Südafrikas Wahrheits- und Versöhnungskommission leitete – jenes Gremium, das nach dem Ende der Apartheid nicht bestrafen, sondern aufklären und versöhnen wollte. Sein Kerngedanke: “Meine Menschlichkeit ist untrennbar mit deiner verbunden.”
Das ist mehr als eine nette Formel, es ist eine andere Grundannahme über den Menschen. Während die westliche Tradition, zugespitzt in Descartes’ “Ich denke, also bin ich”, beim einzelnen Individuum ansetzt, kennt Ubuntu kein Ich vor dem Wir. Man wird nicht als fertiger Mensch geboren, sondern in ein Netz aus Familie, Ahnen und Gemeinschaft hinein, das einen erst zur Person macht.
Warum ausgerechnet jetzt?
Neu ist nicht die Idee, sondern das westliche Interesse daran. Ausgerechnet die individualistischsten Gesellschaften klagen derzeit am lautesten über Einsamkeit. Eine Arbeitswelt, die Leistung fast nur am Einzelnen misst, hat eine Sehnsucht erzeugt nach Konzepten, die Gemeinschaft als Fundament begreifen statt als Nebensache. Ubuntu verspricht nicht Selbstoptimierung, sondern Zugehörigkeit – bedient wird diese Sehnsucht vor allem an drei Orten.
Erstens in der Chefetage: “Ubuntu Leadership” ist inzwischen ein eigenes Stichwort in der Managementliteratur. Statt Hierarchie und Effizienz setzt es auf gemeinsames Entscheiden, echtes Zuhören und – wo etwas schiefläuft – Wiedergutmachung statt Bestrafung. Beraterinnen wie die Südafrikanerin Lindiwe Msiza zeigen, dass das auch in harten Konfliktfeldern funktioniert, von Bergbaubetrieben bis Konzernvorständen. Ob dahinter mehr steckt als eine neue Verpackung für altbekannte “weiche” Führungsideale, darüber streiten Fachleute.
Zweitens in Recht und Sozialarbeit: Die sogenannte restorative justice, zu Deutsch etwa wiederherstellende Gerechtigkeit, beruft sich stark auf Ubuntu. Ein Verbrechen verletzt danach nicht nur ein Gesetz, sondern eine Beziehung zwischen Täter, Opfer und Gemeinschaft – Ziel ist Wiederherstellung statt Strafe. In westlichen Justizsystemen, traditionell auf Vergeltung ausgerichtet, gilt das manchen Reformern als vielversprechende Alternative, etwa bei Jugendverfahren.
Drittens am Ratgebertisch: Auffällig viele Bücher verkaufen Ubuntu derzeit als Antwort auf eine fragmentierte, konkurrenzgetriebene Gesellschaft. Wo Selbsthilfe jahrzehntelang predigte, man solle an sich selbst arbeiten, verspricht Ubuntu das Gegenteil: Erfüllung durch andere statt trotz anderer.
Die Kehrseite
Bei aller Begeisterung mehren sich kritische Stimmen – gerade aus afrikanischer Forschung selbst. Ein Einwand: Das “eine” Ubuntu aus Ratgebern und Vorstandsfolien glättet ein Konzept, das unter verschiedenen Völkern des südlichen Afrikas unterschiedlich gelebt wurde. Manche Fachleute sprechen von einem nachträglich geformten “afrikanischen Universalwert”, der so historisch nie existierte.
Der wichtigere Einwand: Als Managementtool verkauft, verliert Ubuntu oft genau das, was es trägt – seine Einbettung in eine Geschichte von Kolonialismus, Apartheid und Versöhnung. Wenn ein Konzern “Ubuntu-Werte” in sein Leitbild schreibt, ohne sich mit dieser Geschichte zu befassen, bleibt meist nur die hübsche Hülle: ein exotischeres Wort für Teamgeist.
Was bleibt
Zwischen ernsthaftem Interesse und modischer Vereinnahmung bewegt sich die aktuelle Ubuntu-Konjunktur. Die eigentlich interessante Frage ist weniger, ob der Westen den Begriff “richtig” versteht – sondern, ob er bereit ist, sich dafür wirklich verändern zu lassen. Oder ob am Ende nur ein neues Wort für eine alte Sehnsucht übrigbleibt.
