Es gibt Bücher, die man liest und dann beiseitelegt. Und es gibt Bücher, die einen nicht loslassen – die man wegstellt, aber die trotzdem irgendwie immer im Raum bleiben. Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 1951 auf Englisch erschienen, gehört zur zweiten Kategorie. Es ist kein angenehmes Buch. Es ist ein notwendiges.
Arendt, 1906 in Hannover geboren, jüdisch, 1933 aus Deutschland geflohen, schrieb es als Emigrantin in New York – mit dem Abstand der Vertreibung und der Nähe des Erlebten. Das macht den Text zu etwas Besonderem: Er ist weder akademisch kalt noch politisch agitatorisch. Er ist der Versuch, das Unbegreifliche zu begreifen. Nicht zu entschuldigen. Zu verstehen.
Was ist Totalitarismus überhaupt?
Wer das Wort hört, denkt vielleicht zuerst an Diktaturen, an Zensur, an Überwachung. Arendt meinte etwas Präziseres – und Radikaleres. Totalitarismus, wie sie ihn verstand, ist nicht einfach Tyrannei mit moderneren Mitteln. Er ist ein neuartiges politisches Phänomen, das erst im 20. Jahrhundert möglich wurde: eine Herrschaft, die nicht nur Gehorsam verlangt, sondern die innere Zustimmung aller. Die nicht regieren, sondern die Menschheit transformieren will. Die Wirklichkeit selbst umbaut, nach einem ideologischen Bauplan.
Der Nationalsozialismus und der Stalinismus waren für Arendt die beiden Reinformen dieses Systems – trotz ihrer gegensätzlichen Ideologien strukturell verwandt. Beide zerstörten das Individuum nicht nur physisch, sondern ontologisch, also in seiner Eigenschaft als Wesen mit einer eigenen Biografie, einem eigenen Urteil, einer eigenen Würde.
Der lange Weg dorthin: Antisemitismus und Imperialismus
Arendts Buch ist in drei Teile gegliedert, und das ist kein Zufall. Sie will zeigen, wie der Totalitarismus entstand – aus welchen historischen Zutaten er sich zusammensetzte. Der erste Teil analysiert den modernen Antisemitismus, nicht als ewige Konstante der Geschichte, sondern als spezifisch modernes Phänomen: Die Juden wurden, so ihre These, zur Projektionsfläche für eine Gesellschaft, die ihren eigenen Zusammenhalt verlor.
Der zweite Teil, über den Imperialismus, ist vielleicht der am meisten unterschätzte. Arendt zeigt, wie die europäischen Kolonialmächte im 19. Jahrhundert in Afrika und Asien Herrschaftstechniken erprobten, die später in Europa selbst angewendet wurden. Rassische Klassifikation, Entmenschlichung, bürokratische Gewalt – das alles wurde in den Kolonien eingeübt, bevor es in die Herzen Europas zurückkehrte. Der Kolonialismus war, in dieser Lesart, eine Art Generalprobe.
Diese These ist unbequem. Sie fordert den Westen auf, seinen Spiegel zu betrachten. Und sie ist – auch das gehört zur Redlichkeit – nicht unumstritten. Manche Historiker sehen die Verbindungslinien als zu direkt gezogen. Aber als Denkanstoß bleibt sie von bestechender Kraft.
