Hannah Arendt: Totalitäre Herrschaft

Die Banalität des Bösen – und ihre Wurzel in der Einsamkeit

Arendt ist untrennbar mit einem Begriff verbunden, den sie erst zehn Jahre nach dem Buch prägte: die Banalität des Bösen. Doch der Gedanke hat seine Wurzeln schon in den Ursprüngen. Das Böse, das der Totalitarismus erzeugt, ist für Arendt nicht dämonisch, nicht satanisch. Es entsteht aus dem Denkverzicht – aus dem Rückzug des Menschen in ein System, das ihm abnimmt, selbst zu urteilen.

Was ermöglicht diesen Rückzug? Arendt nennt als eine der zentralen Voraussetzungen die Einsamkeit – nicht die gewollte Stille des Rückzugs, sondern eine erzwungene gesellschaftliche Isolation. Die Massengesellschaft der Moderne, so ihre Diagnose, hat Menschen atomisiert: aus Bürgern wurden vereinzelte Individuen, die keine echten politischen Gemeinschaften mehr kennen, keine geteilten Öffentlichkeiten, keine Räume, in denen Meinungen sich bewähren müssen. Menschen in dieser Lage sind empfänglich für totalitäre Bewegungen – denn diese bieten Zugehörigkeit. Eine Bewegung. Ein Wir.

Das ist eine der erschütterndsten Passagen des Buches, weil sie so wenig veraltet ist. Wer sich heute in den sozialen Medien bewegt, wer beobachtet, wie Algorithmen Menschen in Echokammern führen und wie dort Bewegungen entstehen, die auf Zugehörigkeit setzen und Wirklichkeit neu definieren – der liest Arendt mit einem unbehaglichen Wiedererkennungseffekt.