
Der Konsens, der wächst – und doch derselbe bleibt
Wie sicher ist sich die Wissenschaft eigentlich, wenn sie von der Klimakrise spricht? Wer diese Frage stellt, landet unweigerlich bei einer Zahl, die seit zwei Jahrzehnten durch Talkshows, Leitartikel und Konferenzsäle geistert: 97 Prozent. Doch diese Zahl hat eine Geschichte – und die beginnt nicht mit einem runden Prozentsatz, sondern mit einer Historikerin, die sich durch fast tausend Fachtexte arbeitete.
2004 – Naomi Oreskes, Science. Die amerikanische Wissenschaftshistorikerin durchforstete 928 sogenannte Abstracts, also die Kurzfassungen wissenschaftlicher Studien, die zum Suchbegriff Klimawandel erschienen waren. Ihr Befund: Keine einzige Arbeit widersprach der These, dass der Mensch die Erwärmung verursacht. Kein Konsens in Prozent also, sondern schlicht die Abwesenheit einer ernstzunehmenden Gegenstimme in der Fachliteratur.
2010 – Anderegg und Kollegen, PNAS. Sechs Jahre später fragte ein Team um den Ökologen William Anderegg nicht mehr, was in den Texten steht, sondern wer sie schreibt. Unter den aktiv publizierenden Klimaforschern, so das Ergebnis, stützten 97 bis 98 Prozent die zentrale Aussage zum menschengemachten Wandel. Die Perspektive hatte sich verschoben – von der Analyse der Texte zur Haltung der Forschenden.
2013 – John Cook und Team, Environmental Research Letters. Der australische Klimakommunikator John Cook griff das Prinzip von Oreskes wieder auf, skalierte es aber gewaltig: Fast 12.000 Abstracts wurden ausgewertet. Unter jenen Arbeiten, die überhaupt eine klare Position bezogen, sprachen sich 97,1 Prozent für die menschliche Verursachung aus. Diese Studie wurde zur meistzitierten Referenz der Klimadebatte – und zugleich zur meistangegriffenen.
2016 – Cook und Kollegen, dieselbe Zeitschrift. Statt einer neuen Erhebung folgte eine Synthese: sieben unabhängige Konsensstudien, sieben verschiedene Methoden, sieben verschiedene Stichproben – und dennoch ein bemerkenswert stabiles Bild. Je nach Studiendesign lag die Zustimmung unter publizierenden Klimawissenschaftlern zwischen 90 und 100 Prozent. Was zunächst wie eine Bandbreite der Unsicherheit wirkt, ist in Wahrheit ihr Gegenteil: Egal wie man misst, das Ergebnis bleibt im selben Korridor.
2021 – Mark Lynas und Team, Environmental Research Letters. Der bislang größte Wurf: 88.125 Publikationen wurden mit Methoden des maschinellen Lernens durchsucht. Unter den Arbeiten mit erkennbarer Position stützten mehr als 99,9 Prozent die menschliche Verursachung. Eine Studie, die kaum noch Raum für Interpretation lässt – und die zusammen mit dem 6. IPCC-Sachstandsbericht desselben Jahres, der von einem „eindeutigen“ menschlichen Einfluss auf Atmosphäre, Ozean und Land spricht, den vorläufigen Schlusspunkt einer langen Forschungslinie markiert.
Was folgt daraus? Keine Erzählung vom „steigenden Konsens“ – so verlockend die Zahlenreihe von 97 auf 99,9 Prozent auch wirkt. Die Studien maßen Verschiedenes, mit verschiedenen Werkzeugen, in verschiedenen Zeiträumen. Vergleichbar sind sie nur in einem: in der Richtung, in die sie alle zeigen.
Die tragfähigste Formulierung bleibt deshalb die nüchternste: Der wissenschaftliche Konsens über die menschengemachte globale Erwärmung liegt seit mehr als einem Jahrzehnt bei über 90 Prozent; neuere Literaturanalysen kommen auf über 99 Prozent.
