Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist.
Die Philosophie hat bisher unsere Welt nicht allumfassend und zufriedenstellen erleuchtet, wie könnte sie auch? Auch die einigermaßen seriöse Wissenschaft stößt immer wieder an die oft bröselnden Grenzen des Erklärbaren. Als Ludwig Wittgenstein seinen Satz notierte, saß er vermutlich wieder mal in einer seiner selbstgewählten Einöden – norwegische Hütte, irisches Fischerdorf, irgendwo weit weg von Kollegen, die ihm auf die Nerven gingen. Der Mann war ein Meister der Flucht. Und des Grübelns über Dinge, die sich eigentlich nicht sagen lassen.
Das größte Wunder – und keiner merkt’s
Wittgenstein meinte: Das eigentliche Wunder ist, dass überhaupt etwas ist statt nichts. Nicht, dass Jesus übers Wasser lief oder jemand im Lotto gewinnt. Sondern dass morgens die Sonne aufgeht, dass dieser Tisch hier existiert, dass wir atmen, denken, Kaffee trinken.
Klingt banal? Eben. Das ist das Verrückte daran. Wir laufen durch ein permanentes Wunder und finden es völlig normal. Erst wenn etwas kaputtgeht – der Körper, eine Beziehung, das Klima – merken wir: Ach so, das war also nicht garantiert.
Die Sprache versagt (wie immer)
Wittgenstein war besessen von den Grenzen der Sprache. Am Ende seines “Tractatus” steht der berühmte Satz: “Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.” Hat er dann trotzdem nicht gemacht, das Schweigen. Er hat weitergeschrieben, jahrelang, tausende Seiten. Als könnte man durch genug Worte das Unsagbare doch noch einfangen.
Spoiler: Geht nicht! (aber wir probieren es trotzdem – schließlich leben wir in einem Zeitalter, in dem gescheiterte Versuche mindestens genauso interessant sind wie gelungene).
Versuchen wir es mal von einer anderen wunderlichen Seite:
Wenn wir sagen “Ich bin verletzt”, transportieren Worte nur einen Bruchteil dessen, was gemeint ist. Das eigentliche Leid, der Riss im Selbst – das lässt sich beschreiben, aber nie wirklich mitteilen. Jeder Schmerz ist eine Privatveranstaltung. Jede Wunde ein Solitär.
Wunder und Wunden: beides Risse im Alltäglichen.
Die Wunde durchbricht die Illusion der Unversehrtheit. Das Wunder durchbricht die Illusion, wir hätten die Welt im Griff. In beiden Fällen wird klar: Die glatte Oberfläche, auf der wir durchs Leben rutschen, ist dünn wie Eis im Frühling.
Wittgenstein selbst hatte genug Wunden abbekommen. Den Ersten Weltkrieg überlebte er an der italienischen Front, mit seinem Manuskript im Rucksack. Später plagten ihn Depressionen, Selbstzweifel, das Gefühl, seine ganze Philosophie sei vielleicht Unsinn. Er kündigte mehrfach seine Professur, gab sein Vermögen weg, arbeitete als Gärtner und Dorfschullehrer. Ein privilegierter Aristokrat auf der Flucht vor sich selbst.
Provokante These: Vielleicht brauchen wir die Wunden?
Hier wird’s heikel. Aber – Vielleicht sind Wunden nicht nur Schaden, sondern auch Türöffner. Wo etwas zerbricht, entsteht Raum für Neues. Wo Gewissheiten wegbrechen, wird der Blick frei auf das, was vorher verdeckt war.
Das heißt nicht, dass Leid gut wäre. Das wäre zynisch. Aber es heißt: Manchmal zeigt sich das Wunder der Existenz erst durch den Kontrast. Gesundheit fällt uns auf, wenn wir krank waren. Frieden schätzen wir, wenn wir Krieg erlebt haben. Die Selbstverständlichkeiten verlieren ihre Tarnkappe.
Wittgenstein schrieb nach dem Krieg anders als davor. Weniger streng, weniger systemverliebt. Als hätte die Erfahrung der Zerstörung seine Sprache aufgebrochen.
Das Unsagbare umkreisen
Seine späten Texte – die “Philosophischen Untersuchungen” – sind keine geschlossene Theorie mehr. Sie springen, kreisen, tasten sich vor. Als würde er versuchen, das Unsagbare durch Bewegung sichtbar zu machen. Nicht mit dem Zeigefinger draufzeigen, sondern drumherum tanzen, bis es sich zeigt.
Vielleicht ist das auch ein Modell für den Umgang mit Wunder und Wunde heute. Wir können nicht direkt sagen, was es bedeutet, dass die Welt existiert. Oder was es heißt, verletzt zu sein – als Einzelne, als Gesellschaft, als Spezies. Aber wir können Geschichten erzählen, Bilder malen, Gedanken kreisen lassen. Und hoffen, dass jemand versteht.
Die Wunde offen lassen
Hier noch eine gewagte Idee: Was, wenn wir manche Wunden gar nicht schließen sollten? Was, wenn das ständige Streben nach Heilung, nach Ganzheit, nach “wieder okay sein” selbst das Problem ist?
Wittgenstein schrieb: “Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.” Übersetzt: Manche Fragen lösen sich nicht durch Antworten, sondern indem wir aufhören zu fragen. Indem wir leben statt analysieren.
Die Narbe bleibt. Die Erinnerung an den Schmerz bleibt. Aber vielleicht ist gerade diese Unvollkommenheit, dieses Nicht-ganz-Heil-Sein das, was uns menschlich macht. Was uns empfänglich hält für das Wunder, dass trotz allem etwas ist.
Staunen statt erklären
Am Ende führt alles zurück zum Staunen. Die Welt ist – und das ist eigentlich verrückt genug, um ein Leben lang darüber nachzudenken. Alles Weitere – die Freuden, die Schmerzen, die Zufälle und Katastrophen – sind Variationen dieses Grundwunders.
Wittgenstein selbst sagte zu seinem letzten Besuch: “Sag ihnen, ich hatte ein wundervolles Leben.” Er, der chronisch Unzufriedene, der Selbstquäler, der Mann, der nie ankam. Vielleicht hatte er am Ende verstanden: Das Wunder liegt nicht darin, dass alles gut ist. Sondern dass überhaupt etwas ist.
Auch wenn’s wehtut.
Vielleicht ist das die wahre Verbindung zwischen Wunder und Wunde: Beide erinnern uns daran, dass nichts selbstverständlich ist. Dass die Welt brüchig ist – und gerade deshalb kostbar. Dass wir jederzeit aussteigen könnten aus dem Staunen. Aber warum sollten wir?
There is a crack in everything. That’s how the light gets in.

