Warum eisige Winter den Klimawandel nicht widerlegen – und was die Forschung wirklich darüber weiß
Kannst du dir vorstellen, dass jemand ernsthaft behauptet, das Fieber eines Patienten sei widerlegt, weil ihm gerade die Hände kalt sind? Genau dieses Argument taucht zuverlässig auf, sobald ein eisiger Winter über Europa hereinbricht: Wo bleibt denn bitte die Erderwärmung? Die Frage klingt nach gesundem Menschenverstand. Die Antwort aber führt in eines der faszinierendsten – und am heftigsten debattierten – Kapitel der aktuellen Klimaforschung.
Die kurze Version: Ja, die Erde wird wärmer. Und ja, trotzdem können einzelne Winter beißend kalt ausfallen. Das ist kein Widerspruch, sondern Physik. Aber die längere Version ist komplizierter, als viele populärwissenschaftliche Darstellungen vermuten lassen.
Was unstrittig ist:
Die globale Durchschnittstemperatur steigt, messbar, Jahr für Jahr. Die letzten Dekaden gehören zu den wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen, dokumentiert von Tausenden Thermometern, Satelliten und Ozeanbojen. Darüber besteht in der Wissenschaft kein Dissens. Der sechste Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC und die Berichte der Weltorganisation für Meteorologie WMO zeigen das übereinstimmend.
Ebenso unstrittig: Die Arktis erwärmt sich dramatisch schneller als der Rest des Planeten – je nach Zeitraum und Datensatz zwei- bis viermal so schnell. Fachleute nennen das „arktische Verstärkung“. Der Mechanismus dahinter ist verblüffend einfach. Wenn Eis und Schnee schmelzen, wird die Oberfläche dunkler. Dunkle Flächen nehmen mehr Sonnenwärme auf als helle – derselbe Effekt, der ein schwarzes T-Shirt im Sommer zum Nachteil macht. Die zusätzliche Wärme lässt noch mehr Eis schmelzen, was noch mehr dunkle Fläche freilegt. Eine sich selbst verstärkende Spirale, in der Fachsprache: Eis-Albedo-Rückkopplung.
Und dann gibt es den Jetstream: ein Starkwindband in etwa zehn Kilometer Höhe, das wie eine große, schnelle Strömung die kalte Polarluft im Norden von der wärmeren Luft im Süden trennt. Weil er von Temperaturunterschieden angetrieben wird, hängt seine Kraft davon ab, wie verschieden warm es am Pol und in den mittleren Breiten ist. Soweit die Grundlagen, die niemand anzweifelt.
Wo es spannend – und strittig – wird:
