
Moral ist das Pendel zwischen dem, was wir wissen – und dem, was wir noch nicht zu fragen gewagt haben.
Kennst du das? Man tut etwas Kleines – lässt eine leere Flasche im Park stehen, scrollt weg beim nächsten Hilfeaufruf, schweigt, obwohl man etwas weiß. Und dann, irgendwo im Hinterkopf, dieses leise Räuspern. Das Gewissen. Dieser seltsam hartnäckige innere Kommentator, der keine Pause macht, auch wenn man ihm keine Bühne gibt.
Aber woher kommt er eigentlich? Und – noch interessanter – wem gehört er?
Moral ist kein Möbelstück
Man könnte meinen, Moral sei etwas, das einem mitgegeben wird. Wie ein Rucksack, gepackt von Eltern, Schule, Religion und dem Fernsehabendprogramm der Achtzigerjahre. Drin: ein paar Gebote, ein Grundgesetz, der kategorische Imperativ von Kant – handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde – und die diffuse Vorstellung, dass Nettigkeit irgendwie belohnt wird.
Der Münchner Philosoph Philipp Hübel, der an der Schnittstelle von Sprachphilosophie und Ethik forscht, würde hier freundlich, aber bestimmt einschreiten. Für ihn ist Moral kein Rucksackinhalt, den man ein für alle Mal sortiert. Sie ist eine Praxis – lebend, streitend, sich ständig neu verhandelnde Praxis. Moral entsteht nicht im stillen Kämmerlein des Ich, sondern zwischen Menschen. Im Gespräch. In der Zumutung des Anderen.
Das klingt anstrengend. Ist es auch. Und es ist genau das Gegenteil von dem, was Algorithmen uns anbieten: schnelle moralische Einordnung per Daumen-hoch oder -runter.
