Warum Salz gerade dabei ist, die Energiewende zu retten — und wie ein uralter Stoff die Welt zum zweiten Mal verändert
Es gibt Rohstoffe, die Reiche aufgebaut haben. Salz war einer davon. Römische Legionäre wurden mit einer bestimmten Menge Salz bezahlt — daher das Wort Salär, abgeleitet vom lateinischen salarium. Seinetwegen wurden Kriege geführt, Handelswege eröffnet, Vermögen gemacht und verloren. Damals war Salz das, was Öl heute ist: ein Stoff, der darüber entschied, wer Macht hat und wer nicht.
Und jetzt? Jetzt kehrt es zurück. In neuer Gestalt, mit neuer Mission.
Der Riss im System
Die Energiewende hat ein Rohstoffproblem. Wer Elektroautos, Heimspeicher und Windparks mit Akkus versorgen will, braucht Lithium — ein seltenes Metall, das tief im Boden schlummert oder mühsam aus südamerikanischen Salzseen verdampft wird. Lithium macht nur rund 0,006 Prozent der Erdkruste aus. Das ist wenig. Sehr wenig.
Forscher warnen, dass die Welt riskiert, entscheidende Klima- und Energieziele zu verfehlen, wenn bei Lithium nicht gehandelt wird. Dazu kommen geopolitische Abhängigkeiten, Menschenrechtsverletzungen beim Abbau, volatile Preise. Das System wirkt fragil, fast schon nervös.
Die Frage liegt nahe: Muss das wirklich so sein?
Die Antwort aus der Vorratskammer
Natrium-Ionen-Batterien — kurz: Na-Ion — funktionieren nach demselben Grundprinzip wie ihre Lithium-Verwandten. Ionen wandern zwischen zwei Elektroden hin und her, dabei entsteht Strom. Der Unterschied: Statt seltener Lithium-Atome wandern hier Natrium-Atome. Und Natrium ist, nun ja, Kochsalz.
Mit einem Anteil von 2,36 Prozent an der Erdkruste ist Natrium das sechsthäufigste Element überhaupt — und als Bestandteil von Kochsalz nahezu überall verfügbar. Die Ozeane sind voll davon. Geschätzt wird, dass weltweit rund 100 Billionen Tonnen Salz in Lagerstätten vorhanden sind — ohne das Salz im Weltmeer. Ein Rohstoff, der für 400.000 Jahre reicht.
Das klingt fast zu gut. Warum hat das dann so lange gedauert?
Das Gewichtsproblem
Natrium-Atome sind größer und schwerer als Lithium-Atome. Sie passen schlechter in die Elektrodenstruktur — das macht die Zellen weniger energiedicht. Ein Salz-Akku speichert, bei gleichem Gewicht, weniger Energie als ein Lithium-Akku. Für ein Oberklasse-Elektroauto, das 600 Kilometer Reichweite versprechen will, ist das ein Problem.
Für ein günstiges Stadtauto? Eher nicht.
Die Natrium-Ionen-Batterie wird 2026 zum ernstzunehmenden Herausforderer — nicht im High-End-Segment, aber als Fundament für Elektroautos unter 20.000 Euro und langlebige stationäre Speicher. Der Bereich, in dem die meisten Menschen tatsächlich leben und fahren.
Der chinesische Vorstoß
Die Technologie ist längst aus dem Labor entkommen. Mit dem Marktstart des ersten Serienfahrzeugs mit CATL-Natrium-Technologie, dem Changan Nevo A06, sowie der Inbetriebnahme europäischer Großspeicher in Bremen wird deutlich, dass Salz mehr als ein Versprechen ist.
Bis 2027 könnten erste günstige E-Stadtfahrzeuge in Deutschland mit Salzbatterien fahren. Und der Gründer des chinesischen Batterieriesen CATL glaubt, dass Natrium-Ionen bis zur Hälfte des Lithium-Eisenphosphat-Marktes ersetzen könnten.
Sicher. Günstig. Kältefest.
Die Salzbatterie hat weitere Eigenschaften, die sie interessant machen — jenseits des Preises. In aktuellen Sicherheitstests zeigten die Zellen von CATL eine extreme Stabilität: Selbst bei mechanischer Zerstörung durch Stahlkugeln oder extremer Hitzeeinwirkung kam es weder zu Explosionen noch zu Feuer.
Das ist kein Nebenpunkt. Lithium-Akkus brennen. Das weiß jeder, der schon einmal einen Pressebericht über ein brennendes E-Auto gelesen hat. Eine Batterie, die nicht explodiert, ist eine Batterie, die Vertrauen aufbaut.
Dazu kommt: Natrium-Zellen funktionieren besser bei Kälte — ein Vorteil, der in mitteleuropäischen Wintern nicht zu unterschätzen ist.
Die alte Weisheit, neu gelesen
Die modernste Technologie der Welt beruht also auf einem der ältesten Rohstoffe. Was der Journalist Ed Conway in seinem Buch Material World für die Industriechemie beschreibt, gilt nun auch für die Energiewende: Sand, Eisen, Salz, Öl, Kupfer und Lithium sind die sechs Rohstoffe, die Geschichte gemacht haben. Salz war schon immer dabei. Es macht nur gerade eine Karrierestufe.
Wer genug Salz im Hause hat, dem mangelt’s nie an Geld und Macht, lautet eine alte Bauernweisheit. Die Römer wussten das. Die Salzhändler des Mittelalters wussten das. Und die Batterieingenieure von Shenzhen bis Bremen lernen es gerade neu.
Vielleicht ist Salz nie wirklich weggegangen. Es hat nur gewartet.
