Der Ablass

Nein. Hier geht es nicht um diese gewinnbringende mittelalterlicher Herrschaftspraktik. Zur Erinnerung: Wer Geld zahlte, bekam in längst vergangenen düsteren Zeiten vom Papst oder seinen Beauftragten einen „Ablass” zur Linderung der Seelennot und zum Schutz vor Sündenstrafen.

Fuel Dumping

Hier geht es nicht um den Ablass längst verstorbener geldgieriger Kirchenfürsten, sondern um eine Handlung lebendiger Flugkapitäne. Die lassen im Fliegerhimmel weisungsgemäß Kerosin ab. Auch sie erleichtern sich im – Notfall. Weil sie dringend müssen. Denn die randvoll betankten Flieger sind oft zum unvorhergesehen Landen zu schwer. Diese moderne Ablasshandlung nennt sich Fuel Dumping: Treibstoffablass in der Luft.

Ein paar nüchterne Zahlen. 2016 waren es 8 Vorfälle: Öliges Kerosin regnete es aus dem Himmel. Im Rekordjahr 2022 gab es bereits 32 Ablässe. Den persönlichen Höchststand hält eine Boeing 747, die im Juli 2023 über Sachsen-Anhalt 94 Tonnen Kerosin in den Himmel drückte. Pro Vorfall kommen so zwischen 15 und 80 Tonnen zusammen. Manchmal deutlich mehr.

Niewissenwollen

Und warum so oft über der Pfalz?

Frankfurt ist der größte Interkontinental-Hub Europas. Notsituationen entstehen gerne kurz nach dem Start. Die Pfalz liegt direkt unterm Abflugkorridor. So einfach ist das. Lufthansa, Malaysia Airlines, Cargolux – Flugzeuge aus aller Welt lösen ihr Gewichtsproblem über rheinland-pfälzischen Wäldern, Reben, Äckern, (Kinder-) Gärten. Eine Liste der Verursacher? Führt das Luftfahrtbundesamt nicht.

In welcher Höhe wird Kerosin verstreut?

Aus mindestens 1.800 Meter, manchmal bis 8 Kilometer Höhe. Und: Nur Langstreckenjets können überhaupt ablassen – Airbus A380, Boeing 747 und 777. Der Regionalflieger nach Köln hat keine Düsen dafür. Das ist die gute Nachricht.

Was unten ankommt – und was im Niewissenwollen verschwindet.

Maximal 8 Prozent des Kerosins erreichen den Boden, sagt Lufthansa. Das klingt nach Entwarnung. Beschönigung. Aber ein einziger Tropfen Mineralöl verunreinigt 600 bis 1.000 Liter Trinkwasser. Und 8 Prozent von 50 Tonnen sind immer noch 4.000 Kilogramm.

Und die restlichen 92 Prozent? Die verdunsten in der Atmosphäre, sagen die Behörden. Das verwirbelt alles, verdünnt sich, irgendwie weg im Nirgendwo. Was genau dabei entsteht, welche Reaktionsprodukte sich in welchen Höhen bilden, in den Wolken weiterziehen und in fernen Ländern oder Ozeanen wieder abregnen – das ist wissenschaftlich kaum erforscht. Aber wir atmen die Antwort. Wir trinken sie, verschlingen sie mit dem nächsten Fischfilet. Wir wissen es schlicht nicht.

Kurz gesagt: Schätzungsweise einige Tausend Tonnen Kerosin landen jährlich weltweit in der Atmosphäre durch Fuel Dumping. Wie viel genau – weiß niemand. Weil kaum jemand zählt.

Wir atmen unsere Gleichgültigkeit täglich ein.
Thomas Schmenger

Das Problem, Kerosin ist kein einfacher Treibstoff. Es enthält in geringen Mengen auch Benzol, eine Chemikalie, die beim Menschen krebserregend ist. Dazu kommen weitere problematische Stoffe: … Tetraethylblei und Ethylendibromid, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein.

Noch etwas Chemie? Mineralische Öle enthalten aromatische Kohlenwasserstoffe. Der leckere Name „aromatisch” kommt vom Geruch — viele dieser Verbindungen riechen intensiv nach Mandelöl, Zimtaldehyd, Vanillin. Aber Benzol, der Stammvater der ganzen Klasse, verursacht Leukämie — die Nase trügt. Diese Stoffe sind schwer abbaubar, schädigen die im Wasser lebenden Mikroben und können so die Selbstreinigungskraft des Wassers abtöten. Sie machen Trinkwasser schon in geringsten Spuren unbrauchbar, da sie sich im menschlichen Körper ablagern und über lange Zeit Vergiftungserscheinungen hervorrufen können.

1:12 000 0000

Führerscheinprüfung? Sogar dort wissen sie es schon lange. Mineralöle schädigen heftigst das Wasser. Die Zahlen sind gut belegt – und eindrücklich. Es ist seiz langen Jahrenn Prüfungsstoff im deutschen Führerscheintest – die Antwort lautet auch dort offiziell:

Ein Tropfen Öl
vernichtet bis zu
600l Wasser
oder umgerechnet:

1
Tropfen
Öl
vernichtet
12 000 000
Tropfen
Trinkwasser

,,, und wenn jemand behauptet, dass dieses abgelassene Kerosin in in der Luft einfach so verwirbelt im Nichts:

Sag Nein!