Countdown

Über achtzig Prozent der weltweiten Energie stammt noch aus Kohle, Öl und Gas. Vierzig Gigatonnen CO2 – das sind vierzig Milliarden Tonnen – landen dadurch jedes Jahr in der Atmosphäre. Und die Zahl wächst weiter. Wie schafft eine Welt, die so tief in fossilen Strukturen steckt, den Absprung – und zwar gerecht?

Das Budget ist kleiner, als man denkt. Der Ökonom Adair Turner rechnet vor: Bei gleichbleibendem Tempo ist das globale CO2-Budget für die 1,5-Grad-Grenze in gerade einmal zwölf Jahren aufgebraucht. Keine Dekade, kein Spielraum – zwölf Jahre. Wer das einmal in Zahlen hört, versteht die Dringlichkeit anders als aus jeder Zusammenfassung.

Zwölf Jahre, ein Budget, keine Ausreden

Der Ex-Partner, den keiner los wird. Die Journalistin Hongqiao Liu bringt die Ambivalenz auf einen Nenner, der hängen bleibt: Fossile Energie sei wie ein Ex-Partner – man will ihn loswerden, aber er bleibt hartnäckig. Ein Bild, das die ganze Zerrissenheit der Debatte trägt: technisch machbar, politisch zäh.

Gerechtigkeit ist keine Nebensache. Die Ökonomin Vijaya Ramachandran stellt eine unbequeme Frage: Warum sollen arme Länder auf Fossile verzichten, während reiche Staaten weiter Öl und Gas fördern? Ihre Zahlen dazu – ein Nigerianer verbraucht im Jahr so viel Strom wie ein US-Amerikaner in vier Tagen – sitzen. Wer über Klimagerechtigkeit spricht, kommt an dieser Passage nicht vorbei.

Fünfzig Jahre Wissen, fünfzig Jahre Schweigen. Die Aktivistin Luisa Neubauer erinnert daran, dass die Ölindustrie schon in den 1970er-Jahren um die Klimafolgen wusste. Ihr Fazit: Wer die Wissenschaft ignoriert habe, dürfe jetzt nicht als Teil der Lösung auftreten.

Eine Billion Dollar – pro Jahr. Zoë Knight vom HSBC Centre for Sustainable Finance nennt die Summe, die es bis Ende des Jahrzehnts jährlich braucht, um überhaupt in Reichweite des Nullziels zu kommen. Eine Billion. Danach wird klar, warum Banken in dieser Debatte keine Nebenrolle spielen, sondern eine Hauptrolle.

Abschalten reicht nicht – man muss planen. Die Soziologin Emily Grubert bringt einen Gedanken ein, den man selten hört: Ohne verlässliche Zeitpläne für den Ausstieg verliere man das Vertrauen genau jener Menschen, die heute noch von fossiler Infrastruktur leben. Pläne, sagt sie, schaffen Vertrauen – nicht ferne Ziele ohne Fahrplan.

Ja prima, die Sonne ist billiger geworden … Der Technologe Ramez Naam liefert die vielleicht überraschendste Zahl des ganzen Gesprächs: 1975 kostete ein KWh Solarenergie hundert Dollar, 2020 noch zwanzig Cent. Aktuell gibt es Stromenstehungskosten von rund 5,2 Cent pro kWh. Eine Verbilligung um rund das 2000- fache, ein Effekt, den es in der Energiegeschichte so noch nicht gab. Gut, das wir in der Lage sind zu handeln.