Slack

von Thomas Schmenger

Wie so oft passiert es im Wartezimmer, zwischen einer Illustrierten von 2019 und dem Aquarium, in dem ein blasser Fisch seit zwanzig Minuten dieselbe Runde dreht. Du hast nichts zu tun, das Handy liegt im Auto, die Uhr an der Wand geht falsch, und irgendwann merkst du, dass du nicht mehr wartest. Du bist einfach nur da.

Und genau dann fällt dir ein, wie das Problem zu lösen ist, an dem du seit drei Wochen im Büro verzweifelst, mit Kalender, Kaffee und aller Disziplin der Welt. Der Fisch hat nichts dazu beigetragen. Aber du bist für einen Moment aus der Zeit gefallen, und in dieser Lücke hat sich etwas ereignet, das im Terminplan keinen Platz gehabt hätte. Die Frage ist nicht, ob das Zufall war. Die Frage ist, warum der Zufall so gern in öden Wartezimmern wohnt.

Die Kernfragen

Ist Kreativität eine Leistung, die man erbringt, oder ein Ereignis, das man zulässt? Wenn der Zufall die Idee liefert, was liefern wir? Warum kommt der Einfall so verlässlich in dem Moment, in dem wir aufgehört haben, ihn zu rufen? Was unterscheidet Warten von Verweilen, Langeweile von Leere? Braucht der Zufall einen vollen Tisch oder einen leeren? Und wie beschützt man diese ungeplanten Minuten in einem Leben, das jede Lücke sofort als Ineffizienz erkennt und mit etwas Nützlichem füllt?

Das Wichtigste in Kürze

Kreativität ist kein Produkt des Fleißes, sondern des Zufalls und der Aufmerksamkeit, die ihn bemerkt. Der Zufall bringt zwei Dinge in einen Raum, die vorher nichts voneinander wussten; die Aufmerksamkeit erkennt, dass sie zusammengehören. Beides braucht Platz, und dieser Platz heißt auf Englisch Slack: die Zeit, die niemand verplant hat, der Durchhang im Seil. Ob dieser Raum vollgestellt ist oder leer gefegt, geordnet oder zugerümpelt, ist auszuprobieren. Entscheidend ist: Der Zufall braucht einen Raum, in dem er auffällt. Wer aus der Zeit fällt, ist nicht unproduktiv, sondern empfangsbereit. Fleiß sorgt für den Vorrat, aus dem der Zufall kombinieren kann, aber Fleiß allein produziert nur mehr vom Gleichen. Das Neue entsteht in der Lücke, und Lücken lassen sich nicht erarbeiten, nur offen halten.