
Wie wir über unsere Welt denken, entscheidet unsere Zukunft
Jahrhundertelang schien alles klar. Newton hatte die Welt vermessen, und sie funktionierte wie ein Schweizer Uhrwerk – präzise, vorhersagbar, beruhigend. Jede Bewegung folgte aus einer Ursache. Jede Zukunft war – theoretisch – berechenbar. Zufall? Das war nur ein elegantes Wort für „Uns fehlen noch ein paar Daten”.
Dann kam die Quantenphysik. Und mit ihr ein Bruch.
Plötzlich bewegten sich Teilchen nicht mehr auf festen Bahnen. Sie schwebten in Wahrscheinlichkeitswolken. Ein Elektron kann an zwei Orten zugleich sein. Beim berühmten Doppelspaltexperiment zeigte sich etwas Verstörendes: Das Teilchen geht durch beide Spalte gleichzeitig – bis wir hinschauen. Die Beobachtung selbst verändert die Wirklichkeit.
Werner Heisenberg brachte es auf den Punkt und formulierte es als Gesetz: Wir können Ort und Impuls eines Teilchens nicht gleichzeitig exakt bestimmen. Und das ist kein Messfehler. Das ist die die Natur.
Einstein protestierte. „Gott würfelt nicht”, meinte er. Die Quantenphysik Physik antwortete: Doch. Und zwar ständig. Einstein war not amused.
Künstler als Versuchsleiter
Während Physiker mit dem Zufall rangen, hatten Künstler ihn längst eingeladen. Sie machten ihn zum Komplizen.
Jackson Pollock ließ Farbe tropfen. Seine Drippings waren keine Flucht ins Chaos, sondern ein Dialog mit der Schwerkraft, dem Schwung des Arms, dem Unkontrollierbaren.
Die Surrealisten gingen noch weiter und machten den Zufall zur Methode. André Breton rief zum automatischen Schreiben auf – Gedanken, die schneller kommen, als die Kontrolle eingreifen kann. Max Ernst rieb Papier über Holz und fand in den zufälligen Strukturen neue Bildwelten. Die Künstlerin Vera Molnár entwickelte strenge geometrische Regelwerke und lässt darin minimale, teils zufallsbasierte Abweichungen wirken, um aus Ordnung eine lebendige Bildspannung zu erzeugen.
Und dann war da John Cage, oh!, der konsequenteste von allen.
Er warf Münzen. Er befragte das I-Ging. Er ließ Radios rauschen. Seine Partituren waren Experimente, in denen der Zufall zum eigentlichen Komponisten wurde. Manche Kritiker hielten das für Unsinn. Cage fand das interessant – auch Kritik war ja eine Form von Zufallsrauschen.
Sein berühmtestes Stück: 4’33” – vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden Schweigen. Hier in einer um eine Sekunde gekürzte Fassung:
Zu hören ist hier kein leeres Tönen, sondern dein Herzschlag, deine Atemgeräusche, vielleicht hüsteln, das Rascheln der Blätter, das knarren von Stühlen, Strassenverkehr – alles, was zufällig geschieht, wird zur Musik. Cage zeigte: Die Wirklichkeit selbst spielt immer mit. Die Töne erscheinen erst beim genauen hinhören. Aus der Leere entspringt Fülle.
