Als die Welt aufhörte, berechenbar zu sein

Schrödingers Katze und das offene Kunstwerk

Die Physik brachte ihre eigenen surrealistischen Bilder hervor. Das bekannteste: Schrödingers Katze. Ein Gedankenexperiment, das Katzenfreunde bis heute verstört.

Die Versuchsanordnung klingt makaber: In einer gedanklichen Kiste befindet sich eine Katze. Dazu ein radioaktives Atom, ein Geigerzähler, ein Hammer, eine Giftampulle. Zerfällt das Atom, löst der Geigerzähler den Hammer aus, der die Ampulle zerschlägt. Die Katze stirbt. (Man darf vermuten, dass Schrödinger selbst eher Goldfische mochte.)

Das Atom kann in einer Stunde zerfallen. Oder auch nicht.

Lebt die Katze also, oder ist sie tot?

Nach der Quantenphysik: Beides. Solange niemand nachschaut, existiert die Katze in einem Überlagerungszustand – gleichzeitig lebendig und tot. Erst wenn wir die Kiste öffnen, entscheidet sich die Wirklichkeit. Der Blick erschafft die Tatsache.

Auch Kunstwerke verhalten sich ähnlich. Ein Gedicht trägt mehrere Deutungen. Ein Bild viele Geschichten. Eine Melodie viele Stimmungen. Erst im Moment des Lesens, Betrachtens, Hörens wird eine davon wirklich – und doch nie endgülig.

Kleine Quanten im Alltag

Das Prinzip kennen wir aus unserem eigenen Leben. Ein zufälliges Gespräch verändert den Tag. Ein verpasster Zug öffnet eine neue Tür. Ein Stolpern bringt uns auf einen anderen Weg. (Manchmal auch nur auf die Nase, aber das gehört dazu.)

Die Quantenphysik liefert dafür ein passendes Bild: Möglichkeiten existieren nebeneinander, bis eine Entscheidung sie zur Wirklichkeit macht. Vielleicht gilt das nicht nur für Elektronen, sondern auch für Biografien, für unsere Zukunft.