Ordnung braucht Offenheit
Was Physik und Kunst gemeinsam zeigen: Ordnung und Zufall sind keine Gegensätze. Sie gehören zusammen wie Rhythmus und Improvisation. Das eine kann ohne das andere nicht existieren.
Ohne Ordnung wäre die Welt chaotisch. Ohne Zufall erstarrt.
John Cage brachte es in einen Satz: „Ich habe keine Angst vor dem Zufall. Ich möchte, dass er Teil meines Lebens wird.” Das gilt auch für die Quantenwelt: Das Würfeln, das Oszillieren, das Schweben macht sie lebendig.

Die Poesie der Unvorhersehbarkeit
Vielleicht ist der Zufall selbst die verborgene Poesie der Welt. Er verhindert, dass alles mechanisch wird. Er schenkt uns Überraschung. Er hält die Zukunft offen. Er lädt uns ein, nicht nur zu planen, sondern zu spielen, auszuprobieren, Öffnungen zu entdecken!
Die Quantenphysik beschreibt es in Formeln. Die Kunst lässt uns es erleben. Cage, Pollock, Ernst, Molnár – sie alle und noch viele andere haben den Zufall in ihre Werke eingelassen, so wie die Natur ihn in die Struktur der Materie schreibt.
Der Tanz mit dem Ungewissen
Quantenphysik, Zufall und Kunst sind drei Stimmen desselben Chors. Die Physik spricht in Gleichungen. Die Kunst in Farben und Klängen. Der Alltag in Begegnungen.
Alle sagen sie: Wirklichkeit ist kein abgeschlossenes System. Sie ist ein Werden. Sie entsteht im Augenblick. Sie lebt vom Zufall. Sie bleibt offen.
Der Zufall ist keine Bedrohung. Er ist ein Partner. Ein Mitspieler, der uns zwingt, hellwach zu sein. Der uns beschenkt mit dem, was wir nicht erwartet haben.
Und so tanzen Teilchen, Regentropfen, Menschen im selben Rhythmus – einem Rhythmus, der nicht von uns allein bestimmt wird, sondern von der großen, unerschöpflichen Improvisation der Welt.
Was bedeutet das für uns heute?
Wir leben in einer Zeit, in der die Ungewissheit größer wird. Der Klimawandel verändert die Welt schneller, als wir ihn berechnen können. Demokratien werden angegriffen von innen und außen. Künstliche Intelligenzen produzieren Texte, Bilder, Musik – manchmal brillant, manchmal banal, ,anchmal brutal. Die Zukunft scheint unberechenbarer als je zuvor.
Was kann uns die Quantenphysik, was kann uns die Kunst darüber lehren?
Vielleicht zunächst dies: Dass Ungewissheit kein Systemfehler ist, sondern zum System gehört. Dass wir lernen müssen, mit dem Unvorhersehbaren zu leben, ohne in Lähmung zu verfallen. Die Quantenphysik zeigt, dass selbst die kleinsten Bausteine der Materie im Zustand der Überlagerung existieren – und trotzdem eine stabile Welt bilden.
Die Qualität des Menschlichen
Aber hier wird es interessant: Was macht in einer Welt voller Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten das spezifisch Menschliche aus?
John Cage komponierte seine Stücke nicht gegen das Unvorhersehbare, sondern mit ihm. Er machte den Zufall nicht zum Feind, sondern zum Mitspieler. Doch – und das ist entscheidend – er tat es aus einer persönlichen Haltung heraus, aus seinem eigenen Universum von Erfahrungen, Zweifeln, Überzeugungen.
Das ist der Unterschied, der den Unterschied macht. Eine KI kann Daten verarbeiten, Muster erkennen, Variationen generieren. Sie ist ein mächtiges Werkzeug – wie ein hochpräziser Pinsel in Pollocks Hand. Aber die Hand, die den Pinsel führt, die Entscheidung für genau diesen Tropfen, genau diese Farbe, genau jetzt – das kommt aus einem persönlichen Universum.
Jeder Mensch trägt ein solches Universum in sich. Es speist sich aus Begegnungen, Erinnerungen, Verletzungen, Freuden, aus dem Stolpern über Steine und dem Blick aus dem Fenster an einem Frühlingsmorgen. Aus diesem persönlichen Universum entsteht Qualität – nicht als technische Perfektion, sondern als ein Tanz der Unverwechselbarkeit.
KI als Werkzeug kann Gestaltungsprozesse unterstützen. Sie kann Optionen aufzeigen, die wir nicht gesehen hätten. Sie kann Muster erkennen, wo wir nur Rauschen wahrnehmen. Aber die Auswahl, die Entscheidung, das „Ja, genau das” – das bleibt menschlich.
Nehmen wir den Klimawandel: Er konfrontiert uns mit Kipppunkten, Rückkopplungen, Systemen, die nicht linear vorhersagbar sind. Wie Elektronen in der Quantenwelt können auch Klimasysteme zwischen verschiedenen Zuständen oszillieren – bis eine Entscheidung, eine Handlung, eine Krise sie kollabieren lässt in eine neue Wirklichkeit. KI kann uns helfen, diese Systeme besser zu verstehen. Aber die ethische Entscheidung, wie wir handeln, kommt aus unserem persönlichen Universum.
Die Angriffe auf die Demokratie funktionieren ähnlich: Sie zielen auf den Moment der Unschärfe, auf das Oszillieren zwischen Wahrheit und bodenloser Lüge, zwischen Gewissheit und Zweifel. Sie wollen uns im Überlagerungszustand gefangen halten, unfähig zu handeln. Algorithmen können diese Angriffe verstärken – oder helfen, sie zu erkennen. Das Werkzeug ist neutral. Die Haltung, mit der wir es nutzen, ist es nicht.
Das persönliche Universum als Quelle
Gerade die Kunst zeigt uns: Aus der bedrohlichen Ungewissheit kann Neues entstehen – aber nur, wenn es durch ein persönliches Universum gefiltert wird. Pollocks Drippings waren keine Kapitulation vor dem Chaos, sondern sein Dialog mit ihm. Die Surrealisten schufen aus Verschiebung und Irritation ihre Bildwelten. Cage machte aus dem Rauschen der Welt Musik.
Alle Formende, Gestalterinnen, Denkende bringen etwas Unverwechselbares ein. Nicht die Technik machte hier den Unterschied, sondern die Person dahinter.
Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass wir frei sind, Kunst und Poesie aus allem zu machen: einem Laib Brot, einigen Bohnen, einer hastigen Notiz im Zug
In einer Zeit, in der KI-Systeme auf Knopfdruck Sonette, Sonaten und Serigrafien erzeugen können, wird diese Frage drängender: Was bringen wir ein, das nur wir einbringen können? Welche Fragen stellen wir, die nur aus unserer Erfahrung erwachsen? Welche Verbindungen ziehen wir, die nur in unserem Universum existieren?
Vielleicht ist das der Ausblick: Wir werden die Kontrolle nicht zurückgewinnen. Die Welt war nie vollständig berechenbar, wir haben es nur eine Zeit lang geglaubt. Aber wir können etwas anderes lernen: im Ungewissen zu handeln. Wachsam zu sein. Offen zu bleiben. Den Zufall als Partner zu akzeptieren, ohne ihm das Feld zu überlassen.
Und vor allem: Wir können unser persönliches Universum pflegen. Die Begegnungen, die uns prägen. Die Erfahrungen, die uns unverwechselbar machen. Die Haltungen, aus denen wir handeln.
Die Quantenphysik beschreibt eine Welt, die erst durch Beobachtung und Handlung real wird. Die Kunst zeigt, wie wir mit dieser Offenheit umgehen können. Und unser persönliches Universum bestimmt, welche Wirklichkeit wir erschaffen, wenn wir beobachten, wenn wir handeln, wenn wir entscheiden.
Das ist keine Einladung zur Passivität. Im Gegenteil: Es ist ein Aufruf zur Aufmerksamkeit. Zur Bereitschaft, einzugreifen, wenn es nötig ist. Zum Mut, auch ohne Gewissheit zu handeln – aber aus einer Haltung heraus, die in unserem persönlichen Universum verwurzelt ist.
Denn am Ende tanzen wir alle im pulsierenden Rhythmus – Teilchen, Menschen, Maschinen. Einem Rhythmus zwischen Ordnung und Zufall, zwischen Planung und Improvisation, zwischen dem, was wir wissen, und dem, was noch kommt. Wir Menschen bringen unser persönliches Universum in diesen Tanz ein. Das ist unsere Qualität. Das ist unser Beitrag. Das macht uns unersetzbar.
