Das Böse

Immanuel Kant

Kant hätte Eichmanns Ausreden nicht einen Moment lang gelten lassen:

Das Böse ist eine Entscheidung”

Für den Königsberger Philosophen war das Böse keine Gedankenlosigkeit, sondern eine Wahl. In jedem von uns schlummert der kategorische Imperativ – diese innere Stimme, die sagt: “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.” Also handle nach Regeln, von denen du zugleich willst, dass sie für jeden gelten.

Der Mensch will gesehen werden, ernst genommen, respektiert – und übersieht dabei leicht, dass er andere oft nur benutzt, statt ihnen wirklich zu begegnen. Er weiß, was fair wäre, was richtig ist, was er tun sollte – und entscheidet sich trotzdem für das, was ihm gerade passt. Immanuel Kant nannte das den „Hang zum Bösen“: Und dies ist dann kein Ausrutscher, kein Unfall, sondern die bewusste Entscheidung, den eigenen Vorteil über das Richtige zu stellen.

Und das Problem? Wir bleiben verantwortlich. Denn wir hatten die Freiheit, uns anders zu entscheiden.

Hatte Eichmann diese Freiheit? Arendt hätte gesagt: Nein. Er war längst gefangen in Phrasen, in Vorschriften, in einem System. Er hatte seine Fähigkeit zur Freiheit verloren, weil er sie nie genutzt hatte.

Augustinus (354–430 n. Chr.) 

Das Böse existiert gar nicht

Der Kirchenvater des 4. Jahrhunderts stand vor einem Dilemma: Wenn Gott allmächtig und gut ist – woher kommt dann das Böse?

Seine Lösung war radikal: Das Böse existiert nicht wirklich.

Es ist privatio boni – Abwesenheit des Guten. Wie Kälte nur die Abwesenheit von Wärme ist. Wie Dunkelheit nur die Abwesenheit von Licht. Das Böse hat keine eigene Substanz, keine Macht. Es ist nur ein Loch.

Es entsteht, wenn sich der Mensch von Gott abwendet. Wenn er das Vergängliche über das Ewige stellt. Wenn er die göttliche Ordnung verlässt.

Elegant gelöst: Gott musste nicht für das Böse verantwortlich gemacht werden. Alles Seiende ist grundsätzlich gut.

Aber erklärt das, warum Menschen foltern, morden, vernichten? Kann Abwesenheit solche Wucht haben?

Friedrich Nietzsche

Nietzsche hätte auf die Frage nach dem Bösen wahrscheinlich laut gelacht:

Das Böse existiert gar nicht. Hört auf zu moralisieren!

Gut und Böse? Alles nur Fiktionen! Die Unterscheidung ist kein Naturgesetz, sondern ein Produkt der Geschichte. Entstanden aus dem Ressentiment der Schwachen gegen die Starken.

Die Ohnmächtigen hätten ihre Ohnmacht zur Tugend erklärt – Demut, Mitleid, Selbstlosigkeit – und alles Kraftvolle als “böse” diffamiert. Das Christentum vollzog eine gigantische Umwertung: Die “Sklavenmoral” siegte über die “Herrenmoral”. Aus Stärke wurde Brutalität. Aus Leben wurde Sünde.

Nietzsche wollte “jenseits von Gut und Böse” denken. Nicht als Amoralität, sondern als Befreiung von einer Moral, die das Leben erstickt.

Was zählt? Die Bejahung des Daseins. Die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten. Der Wille zur Macht – nicht als Herrschaft über andere, sondern als Selbststeigerung.

Aber führt das nicht direkt in die Barbarei?

Nietzsche hätte das zurückgewiesen. Der “Übermensch” ist kein Herrenmensch, sondern ein Ideal der Selbstüberwindung. Jemand, der stark genug ist, sich selbst Gesetze zu geben.

Seine Philosophie wurde später von den Nationalsozialisten instrumentalisiert – vor allem durch seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche und Philosophen wie Alfred Baeumler. Die aktuelle Forschung spricht weitgehend von einem Missbrauch, wobei diskutiert wird, ob Nietzsches Formulierungen diesen Missbrauch begünstigt haben.

Welche Theorie taugt für uns?

Diese Erklärungen haben Konsequenzen. Sie prägen, wie wir über Schuld denken, über Verantwortung, über Strafe.

Folgt man Kant, ist jeder Täter zurechnungsfähig. Er hätte sich anders entscheiden können.

Folgt man Arendt, müssen wir fragen: Wie viele Menschen sind fähig zu wirklichem Denken? Wie viele funktionieren nur?

Folgt man Augustinus, ist das Böse eine spirituelle Leere. Täter bräuchten Erlösung.

Folgt man Nietzsche, müssten wir fragen: Wer bestimmt eigentlich, was böse ist – und warum?

Sind wir alle kleine Eichmanns?

Vielleicht trifft uns Arendts Diagnose heute härter als ihre Zeitgenossen.

Wir leben in einer Welt permanenter Ablenkung. Algorithmen entscheiden, was wir sehen. Soziale Medien reduzieren Reflexion auf Sekundenschnipsel.

Wann hören wir auf zu denken? Wann folgen wir einfach mit? Wann rechtfertigen wir uns damit, dass alle anderen es auch tun?

Das Böse braucht heute keine Ideologien mehr. Keine Führer, keine Fahnen. Es reicht die Zerstreuung. Das Wegsehen. Das Nicht-Wissen-Wollen.

Man denke an die Klimakrise. An Lieferketten, von denen wir nicht wissen wollen, wie sie funktionieren. An Algorithmen, deren Entscheidungen wir nicht hinterfragen.

Sind wir Eichmanns in kleinerem Maßstab?

Was hilft?

Die Antwort der Philosophen ist erstaunlich ähnlich.

Kant: Nutze deine Vernunft. Höre auf die innere Stimme.

Arendt: Denke. Halte inne. Führe einen Dialog mit dir selbst.

Augustinus: Wende dich dem Guten zu.

Nietzsche: Werde, der du bist. Überwinde dich selbst. Sei nicht Masse.

Allen gemeinsam: Aktivität statt Passivität. Selbstverantwortung statt Gehorsam. Wachsein statt Funktionieren.

Das klingt lächerlich einfach. Aber es ist das Schwerste überhaupt.

Das Böse ist verwundbar

Keine der Theorien sagt: Das “Böse” ist unausweichlich. Keine sagt: Der Mensch ist grundsätzlich böse.

Selbst Augustinus glaubt an Umkehr. Selbst Kant an die Kraft der Vernunft. Selbst Nietzsche an Selbstüberwindung.

Und Arendt? Sie glaubte an das Denken. An diese alltägliche Tätigkeit, die jeder tun kann. Jeden Tag. In jeder Situation.

Das Böse ist banal – aber deshalb auch verwundbar. Es braucht die Gedankenlosen. Wenn wir anfangen zu denken, hat es schon verloren.

Naiv? Vielleicht. Aber die Alternative wäre, das Böse für übermächtig zu halten. Für ein Schicksal.

Arendts Botschaft ist radikaler, als sie zunächst klingt: Widerstand ist möglich. Nicht nur im großen historischen Moment. Sondern jeden Tag. Im Denken.