Der Blinde Fleck

Ich irre aus Erfahrung, die KI durch Statistik – Irrtum fühlt sich auf beiden Seiten erstaunlich stimmig an!
Thomas Schmenger

Du sitzt im Auto, willst die Spur wechseln, checkst den Rückspiegel: alles frei! Dann, aus dem Nichts, ein empörtes Hupen. Irgendwo neben dir rollte die ganze Zeit ein Auto mit – im toten Winkel. Du hast hingeschaut, wirklich hingeschaut, und trotzdem war da eine blinde Stelle.

Im Straßenverkehr gibt’s dafür inzwischen Sicherheitstechnik. Kleine Lichter im Außenspiegel, schrille Pieptöne, Kameras. Im Leben eher nicht. Wir haben keine Warnsignale für die Dinge, die wir übersehen, obwohl wir überzeugt sind, alles im Blick zu haben.

Und genau da wird’s interessant – und tückisch.

Der blinde Fleck ist keine Panne der Evolution

Jeder Mensch trägt Wahrnehmungslücken mit sich herum. Nicht metaphorisch, sondern ganz real. Auf der Netzhaut gibt es eine Stelle, an der keine lichtempfindlichen Zellen sitzen. Dort verlässt der Sehnerv das Auge. Und an dieser Stelle siehst du – nichts. Gar nichts. Und trotzdem hast du nicht das Gefühl, dass dir ein Stück Welt fehlt. Dein Gehirn springt ein, füllt die Lücke, ergänzt Linien, Muster, Flächen. Es macht das so elegant, dass du ihm nie auf die Schliche kommst. Der blinde Fleck ist keine Panne der Evolution, sondern die unvermeidbare Durchgangsstelle, an der Information erst möglich wird – dort, wo der Sehnerv das Auge verlässt, können keine Lichtsinneszellen sitzen, weil sonst keine Verbindung zum Gehirn bestünde.

Das Gehirn ist ein kreativer Innenarchitekt. Wo Leere droht, stellt es eben schnell ein Sofa hin. Hauptsache, es sieht gemütlich aus.

Das Gehirn ergänzt, was die Netzhaut nicht liefert

Das Auffüllen passiert nicht zufällig. Dein Gehirn ergänzt das, was plausibel erscheint. Das Gehirn ist ein begnadeter Lückenfüller. Ein Baum wird von einem Laternenpfahl verdeckt – du siehst trotzdem einen Baum, nicht zwei halbe. Jemand ruft deinen Namen aus dem Nebenzimmer, die Wand schluckt Frequenzen – du verstehst ihn trotzdem.

Ständig ergänzt das Gehirn, was fehlt. Es setzt fort, was unterbrochen wurde. Es macht aus Fragmenten ein Ganzes. Meistens klappt das erstaunlich gut. Die Straße hinter einem Baum bleibt eine Straße, die verdeckte Holzmaserung setzt sich fort, eine zugeklebte Linie bleibt gerade.

Aber manchmal eben nicht. Das ist praktisch, effizient und meistens vollkommen ausreichend. Problematisch wird es erst, wenn das, was fehlt, entscheidend ist. Zum Beispiel beim Motorradfahrer, der genau dort fährt, wo dein Gehirn lieber noch ein Stück Asphalt sieht.

Im Alltag merken wir von diesen Gehirnergänzungen nichts. Genau das macht es so heikel. Der blinde Fleck fühlt sich nicht an wie Unsicherheit, sondern wie Gewissheit.

Erinnerungen sind auch nur gut erzählte Geschichten

Was für das Sehen gilt, gilt auch für das Erinnern. Unser Gedächtnis ist kein Archiv, sondern eine ziemlich kreative und fluide Werkstatt. Es speichert Fragmente, Eindrücke, emotionale Marker – und setzt daraus halluzonierend immer wieder neue Versionen unserer Vergangenheit zusammen. Manchmal entstehen dabei Erinnerungen, die sich absolut echt anfühlen und trotzdem nie so stattgefunden haben.

False Memories nennt das die Psychologie. Im Alltag nennt man es meist: Sich absolut sicher sein. Denn hier gilt: Erzählerischer Zusammenhang ist wichtiger als faktische Präzision. Hauptsache, die Geschichte ergibt irgendwie Sinn.

False Memories – falsche Erinnerungen – sind kein Randphänomen, sondern Teil unseres Alltags. Sie entstehen nicht aus Täuschungsabsicht, sondern aus der Arbeitsweise unseres Gedächtnisses. Unser Erinnern ist kein Speicher, sondern ein fortlaufender Erzählprozess.

Jedes Mal, wenn wir uns erinnern, rekonstruieren wir. Wir ergänzen Lücken, glätten Brüche, passen Vergangenes an unser heutiges Wissen und unsere Gefühle an. Ein schlichtes Beispiel: Wir sind sicher, jemand habe einen bestimmten Satz gesagt – tatsächlich stammt er aus einem anderen Gespräch, einem Film, einer Erzählung. Unser Gehirn hat sinnvoll kombiniert.

Falsche Erinnerungen werden begünstigt durch wiederholtes Erzählen derselben Geschichte und suggestive Fragen und Formulierungen.

Starke Emotionen wie Angst, Schuld oder Begeisterung , auch unsere Erinnerung überflutende Bilder und Erzählungen kneten am Ende unsere Memoiren zu einem neuen “Wissen”.

Die Forschung – etwa von Elizabeth Loftus – zeigt, wie leicht sich Menschen an Ereignisse erinnern, die nie stattgefunden haben. Das Erschütternde daran: Das Gefühl von Gewissheit ist niemals Beweis für Wahrheit. Oft ist es genau umgekehrt.

Gesellschaftlich wird das brisant, wenn viele dieselbe falsche Erinnerung teilen. Dann entstehen kollektive Narrative, politische Mythen, scheinbar eindeutige Vergangenheiten. Und die Erinnerung wird zur kollektiven Erzählung.

Die nüchterne Einsicht lautet:

Unser Gehirn erfindet nicht nur lückenhafte Abbildungen der Gegenwart – es formt auch unsere Vergangenheit. Nicht aus Bosheit, sondern aus dem Wunsch nach Stimmigen und Zusammenhang.

Das Gehirn hasst Leere

Ob Wahrnehmung oder Erinnerung – das Gehirn tut fast alles, um Sinn zu erzeugen. Es ergänzt verdeckte Objekte, erfindet Konturen, übersieht massive Veränderungen, solange das Gesamtbild irgendwie stimmig scheint. Wer einmal erlebt hat, wie leicht sich das Gehirn täuschen lässt, verliert ein wenig die Ehrfurcht vor der eigenen Gewissheit. Und gewinnt vielleicht etwas Demut. Bestenfalls neue kreative Freiheit.

Und jetzt kommt noch die KI ins Spiel: