Der Blinde Fleck

Maschinenintelligenz. Spätestens hier wird es interessant. Denn plötzlich ist da ein System, das verblüffend ähnlich arbeitet. Auch die KI füllt Lücken. Halluziniert. Auch sie ergänzt Wahrscheinliches. Auch sie merkt nicht, wenn sie sich etwas zusammenreimt. Der Unterschied: Sie tut das nicht aus Überlebensnotwendigkeit, sondern aus mathematischer Logik. Wahrscheinlich!

KI produziert keine Wahrheit. Sie produziert Plausibilität. So wie dein Gehirn. Das menschliche Gehirn kann korrigieren, zweifeln, gegenchecken. Es hat Zugang zu sensorischer Rückprüfung, zu anderen Menschen, zur Welt. KI arbeitet mit dem überquellenden Trainingsmaterial, ohne direkten Weltbezug. Amoralisch und gewissenlos.

Der entscheidende Unterschied: Blinde Räume

Während du punktuelle blinde Flecken hast, hat die KI ganze blinde Räume. Sie kennt die Welt nur als riesigen vollgefütterte Datenräume. Sie sucht, wie etwas beschrieben wird, aber nicht, wie es sich anfühlt. Sie kann tausend Kochrezepte generieren, aber sie hat noch nie verbranntes Knoblauchöl gerochen. Sie weiß, was Schmerz und Liebe ist – als Wort. Nicht als Erfahrung.

Du lebst in einem Körper. Die KI lebt in Textfragmenten.

Zwei Welten, zwei Extreme

Du bist sinnlich superreich, aber informationsarm. Die KI ist informationsreich, aber sinnlich leer. Du erinnerst dich an Gefühle, Gerüche, Stimmungen. Die KI erinnert sich an Wahrscheinlichkeiten. Du bist langsam, fehleranfällig, emotional. Die KI ist schnell, stolpert konsequent und bleibt dabei völlig ungerührt.

Wer daraus einen Wettkampf macht, hat schon verloren. Spannend wird es erst, wenn man beides zusammendenkt.

Perspektivwechsel als Lebensprinzip

Deine Augen lösen ihr Probleme elegant. Sie bewegen sich ständig minimal hin und her. Diese kleinen Bewegungen sorgen dafür, dass der blinde Fleck nie dauerhaft an derselben Stelle bleibt. Übertragen auf das Denken heißt das: Wir können Perspektiven wechseln. Immer wieder. Bewusst.

Andere Meinungen anhören. Erinnerungen teilen. Widerspruch zulassen. Das ist anstrengend, manchmal nervig, oft unbequem. Aber es ist die einzige Methode, unsere blinden Flecken blasser werden zu lassen.

KI als Sparringspartner, nicht als Orakel

Um unsere blinden Flecken zu reduzieren, kann KI tatsächlich hilfreich werden. Nicht als Maschine, die dir sagt, wie die Welt ist, sondern als Maschine, die dich herausfordert. Frag sie nach Gegenargumenten. Bitte sie um Perspektiven, die deiner widersprechen. Lass dir deine Annahmen auseinandernehmen. Lass dir Quellen nennen.

Nicht, weil die KI recht hätte. Sondern weil sie anders falsch liegt als du.

Am Ende sitzt du am Steuer

So wie beim Auto hilft das beste Assistenzsystem nichts, wenn du die Hände vom Lenkrad nimmst. Verantwortung lässt sich nicht outsourcen. Weder an Technik noch an Gewohnheit. Der wichtigste Schritt bleibt ein sehr menschlicher: Die Bereitschaft, hinzusehen. Den Kopf zu drehen. Zweifel auszuhalten.

Oder anders gesagt: Die besten Augen nützen nichts, wenn man sie geschlossen hält. Und die klügste KI nützt nichts, wenn man sie nur fragt, was man ohnehin schon glaubt.

Vielleicht ist das die eigentliche Kunst unserer Zeit: Nicht alles sehen zu wollen – sondern zu merken, wo man gerade nichts sieht.

KI-Systeme halluzinieren. Sie erfinden Fakten, dichten Quellen dazu, präsentieren Unsinn mit der Selbstverständlichkeit eines Lexikons. Das liegt in ihrer Natur: Wahrscheinlichkeiten sind ihnen wichtiger als Wirklichkeit. Sie rechnen, was plausibel klingt – nicht was stimmt.

Aber die Aufregung darüber verdeckt etwas. Dieser technische Defekt trifft nämlich auf einen ziemlich alten menschlichen blinden Fleck: Wir alle verwechseln flüssige Sprache mit Wahrheit. Was elegant formuliert ist, halten wir für richtig. Was überzeugt klingt, glauben wir gern.

Auch wir halluzinieren – nur leiser und unauffälliger. Wir erinnern uns falsch. Schließen vorschnell. Füllen Gedächtnislücken mit dem, was gut ins eigene Bild passt. Der Unterschied zur Maschine? Die KI weiß nicht, dass sie irrt. Wir könnten es wissen – und schauen trotzdem oft weg.

Das eigentliche Problem ist also weniger die Technologie selbst. Es ist unser Vertrauen in überzeugende Antworten. In die glatte Oberfläche der Gewissheit.

Und genau dort, in diesem gemeinsamen blinden Fleck, beginnt Verantwortung.