Daniel Schacter, Psychologe in Harvard, hat unserem Gedächtnis den Spiegel vorgehalten – und sieben Macken entdeckt, die jeder kennt. Keine Defekte, eher: Charakterzüge eines überaus nützlichen, aber eigenwilligen Systems.
Die drei Vergesslichen:
Vergänglichkeit – Was war nochmal beim Mittagessen letzte Woche? Erinnerungen verblassen wie Sommerbräune. Das Gehirn räumt auf, macht Platz. Ab in den Papierkorb. Wer braucht schon jedes Detail von jedem Dienstag?
Geistesabwesenheit – Schlüssel in der Hand, Tür zu, Schlüssel weg. Wo? Keine Ahnung. Das Gehirn war beschäftigt – mit dem anstehenden Meeting, dem Einkaufszettel, irgendetwas. Nur nicht damit, sich zu merken, wohin die Hand gerade den Schlüssel gelegt hat.
Blockierung – Wie hieß nochmal dieser Schauspieler? Der aus diesem Film? Mit diesem Gesicht? Es liegt auf der Zunge, die Zunge schweigt. Manchmal kommt’s drei Stunden später, mitten im Supermarkt.
Die drei Fantasievollen:
Fehlattribution – War diese Geschichte von meiner Schwester oder aus diesem Podcast? Hat Paul das erzählt oder habe ich es gelesen? Das Gedächtnis speichert Inhalte, verliert aber gern die Quellenangabe.
Suggestibilität – „Erinnerst du dich, wie kalt es damals war?” Und plötzlich friert man in der Erinnerung, auch wenn es mild war. Fremde Versionen sickern ein, überlagern das Original. Augenzeugen sind deshalb so unzuverlässig.
Verzerrung – „Ich wusste doch immer schon, dass…” Wirklich? Das Gehirn schreibt die Vergangenheit um, passend zur Gegenwart. Nach der Trennung war die Beziehung „eh nie richtig gut”. Dabei gibt’s noch die Postkarte: „Mit dir ist alles perfekt!”
Die eine Hartnäckige:
Persistenz – Diese eine peinliche Szene, zehn Jahre her. Taucht immer wieder auf, ungebeten, gestochen scharf. Während wichtige Telefonnummern verschwinden, klebt dieser Moment wie Kaugummi am Schuh.
Schacters Erkenntnis? Diese sieben Sünden sind kein Bug, sondern Feature. Vergänglichkeit verhindert Daten-Chaos. Persistenz warnt vor Gefahren. Unser Gedächtnis ist weniger Videorekorder, mehr kreativer Chronist – der sich erlaubt, was ihm sinnvoll erscheint.
Nur beim Schlüssel sollte es mal aufpassen.
Quellen und Anregungen zur Vertiefung:
Daniel Kahneman, „Schnelles Denken, langsames Denken” – Der Nobelpreisträger zeigt: Wir schließen vorschnell aus wenigen Informationen, vertrauen kohärenten Geschichten mehr als Fakten und überschätzen systematisch unsere eigene Urteilskraft.
Elizabeth Loftus, „The Myth of Repressed Memory” – Die Psychologin belegt: Erinnerungen lassen sich nachträglich verändern, Falscherinnerungen fühlen sich genauso echt an wie wahre, und wir merken den Unterschied nicht.
Daniel Schacter, „The Seven Sins of Memory” – Der Neurowissenschaftler beschreibt: Unser Gedächtnis vergisst systematisch, füllt Lücken kreativ auf und verzerrt Erinnerungen, damit sie zur Gegenwart passen.
Arvind Narayanan & Sayash Kapoor, „AI Snake Oil” – Die Princeton-Forscher erklären: KI-Systeme simulieren Kompetenz durch Sprachmuster, halluzinieren mit statistischer Präzision und profitieren von unserem Bedürfnis nach schnellen, klaren Antworten.
