Der Raum der Demokratie

Was Philosophinnen, Psychologen und eine ziemlich gründliche Studie dazu sagen

Fangen wir mit einem Satz an, der wie ein Skalpell wirkt: Politik findet nicht nur im Parlament statt, sagte der französische Philosoph Jacques Rancière. Sie beginnt viel früher – nämlich dort, wo Menschen anfangen, sich ihren eigenen Raum zu nehmen.

Demokratie, so seine These, steckt nicht in Gesetzen oder Institutionen. Sie liegt tiefer: in der einfachen, oft vergessenen Idee, dass alle Menschen gleich viel zählen. Genau darauf baut jeder Staat auf – auch wenn er es selten zugibt.

Und daraus folgt etwas Bemerkenswertes: Wer sich einfach so verhält, als würde seine Stimme zählen, verändert damit schon die Wirklichkeit. Er macht sich selbst zu jemandem, der mitentscheidet – ganz gleich, ob ihm das offiziell zusteht oder nicht.

Die Philosophin Hannah Arendt kam von der anderen Seite zum gleichen Punkt. Ihren Erscheinungsraum beschrieb sie als jenen Zwischenraum, der entsteht, sobald Menschen gemeinsam handeln – nicht vorher als leerer Saal, der auf Publikum wartet, sondern erst durch das Handeln selbst. Es gibt also streng genommen keinen Moment, in dem dieser Raum objektiv verschlossen ist. Es gibt nur den Moment, in dem jemand anfängt.

Warum also warten wir trotzdem so oft, bevor wir handeln?

Die Psychologie liefert eine Antwort. Der Forscher Martin Seligman fand heraus: Wer immer wieder erlebt, keinen Einfluss zu haben, lernt irgendwann, gar nicht mehr zu versuchen, etwas zu ändern. Man nennt das erlernte Hilflosigkeit.

Das Tückische daran: Dieses Gefühl bleibt oft auch dann noch, wenn sich die Lage längst geändert hat – und Einfluss wieder möglich wäre. wäre.


Sein Kollege Albert Bandura setzte dem die Selbstwirksamkeit entgegen: Wer glaubt, etwas bewirken zu können, bewirkt auch tatsächlich mehr, und dieser Effekt gilt nachweislich nicht nur für Einzelne, sondern für ganze Gruppen.

Und das ist keine bloße Theorie – das zeigt auch die Praxis:

Die Politikwissenschaftlerin Heike Klüver untersuchte an der Humboldt-Universität Berlin sogenannte Wahlkreistage: Dabei diskutieren zufällig ausgeloste Bürgerinnen und Bürger einen Tag lang mit ihrem Bundestagsabgeordneten. Befragt wurden 435 Teilnehmende – und zusätzlich fast 2.750 weitere Menschen zum Vergleich. Für die Beteiligungsforschung ist das ungewöhnlich gründlich.

Das Ergebnis: Wer mitmacht, vertraut der Politik danach mehr, traut sich selbst mehr zu – und engagiert sich häufiger. Sogar Verschwörungserzählungen verfangen seltener.

Schon der Ökonom und Nobelpreisträgerin-Vorbild Elinor Ostrom bewies mit Studien zu gemeinschaftlich genutzten Ressourcen, dass Menschen sich selbst tragfähige Regeln geben können, wenn man sie nur lässt.

Und der Philosoph Ernst Bloch nannte genau dieses Prinzip die konkrete Utopie: keine ferne Wolke am Horizont, sondern eine reale Möglichkeit, die schon in der Gegenwart angelegt ist und nur ergriffen werden will. Sein Satz dazu, geschrieben im Exil, bleibt bis heute die knappste Zusammenfassung dieses ganzen Gedankens: Nun haben wir zu beginnen, in unsere Hände ist das Leben gegeben.

… und wer das alles nicht glaubt, suche einfach hier bei den sprudelnden Quellen weiter: