Das Märchen vom Multitasking

Egal, wie intelligent oder routiniert jemand ist – das Gehirn arbeitet nicht parallel. Es springt. Von hier nach dort, von Aufgabe zu Aufgabe. Und jeder dieser Sprünge kostet. Energie. Zeit. Konzentration.

Was wir Multitasking nennen, ist ein Missverständnis darüber, wie Denken funktioniert.
Thomas Schmenger

Kein Mensch, ganz gleich wie klug, erfahren oder motiviert, kann mehrere anspruchsvolle Aufgaben gleichzeitig erledigen. Das Gehirn springt. Und jedes Springen kostet.

Der Neurowissenschaftler Earl Miller erklärt das bei Vorträgen am Massachusetts Institute of Technology unmissverständlich: Das Gehirn multitaskt nicht. Es wechselt Aufgaben. Schnell, nervös, ineffizient. Jeder Wechsel verbraucht Energie, erhöht die Fehlerquote und untergräbt leise die Kreativität. Was sich produktiv anfühlt, ist oft nur Bewegung ohne Richtung.

Auch Lutz Jäncke, Neuropsychologe an der Universität Zürich, formuliert es deutlich: “Multitasking ist etwas, das wir Menschen ausgesprochen schlecht können.” Unser Gehirn sei dafür gemacht, dass wir uns auf das Wesentliche konzentrieren und Informationen, die uns in einem Moment als irrelevant erscheinen, unterdrücken.


Beschäftigt wirken heißt nicht wirksam sein

Das ist deshalb so relevant, weil moderne Arbeitswelten Sichtbarkeit mit Leistung verwechseln. Wer während eines Meetings E-Mails beantwortet oder nebenbei Berichte liest, sendet ein Signal: Ich bin engagiert. Kognitiv passiert jedoch das Gegenteil. Aufmerksamkeit wird zerbröselt, bis sie für echtes Denken nicht mehr reicht.

Der unsichtbare Rest im Kopf

Nein, das Gehirn arbeitet nicht wie ein Prozessor mit parallelen Kernen. Es liebt Abschlüsse. Es will Dinge beenden. Bleibt etwas offen, zieht es weiter an deiner Aufmerksamkeit, auch wenn du längst beim nächsten Punkt angekommen bist.

Die Forschung bestätigt das schonungslos. Die Organisationspsychologin Sophie Leroy von der University of Washington Bothell spricht von Aufmerksamkeitsrückständen – einem Begriff, der beschreibt, was jeder kennt: Wenn du eine Aufgabe unfertig liegen lässt, bleibt ein Teil deines Denkens bei ihr hängen. Du gehst weiter, aber dein Kopf bleibt zurück. Die nächste Aufgabe leidet, weil sie nie deine volle Präsenz bekommt.

Die Kosten kleiner Unterbrechungen

Deshalb sind kleine Unterbrechungen so erschöpfend. Ein kurzer Blick auf Slack. Eine schnelle Antwort. Ein Moment Ablenkung. Jede Störung wirkt harmlos, doch in Summe höhlt sie dein Denken aus.

Eine Studie der University of California zeigt: Es dauert im Durchschnitt über zwanzig Minuten, nach einer Unterbrechung wieder vollständig in die Konzentration zu finden. Nicht Sekunden. Minuten. In einem Alltag voller Benachrichtigungen sind das verlorene Stunden.

Der Körper schlägt Alarm

Dass Multitasking nicht nur die Leistung beeinträchtigt, sondern auch den Körper unter Stress setzt, zeigt eine deutsche Studie aus Erlangen, München und Bonn eindrücklich. Bei Multitasking kam es zu einer deutlichen Aktivierung des sympathischen Nervensystems – jenes Systems, das den Körper in Alarmbereitschaft versetzt.

186 gesunde Personen wurden getestet, in verschiedenen Situationen: passiv und aktiv, digital und analog, einzeln oder kombiniert als Multitasking. Das Ergebnis? Die Probanden nahmen Multitasking-Situationen als stressig wahr, und ihre Körper reagierten entsprechend.

“Das Ergebnis der Studie ist ein klares Warnsignal”, erklärt Professor Frank Erbguth, Präsident der Deutschen Hirnstiftung. Besonders dann, wenn die Aufgaben ähnliche Hirnregionen fordern – etwa wenn man einer Fachdiskussion in einem Meeting folgt und nebenbei eine E-Mail beantwortet.

Wenn der Kopf zu voll wird

Wir vergleichen das Gehirn gern mit einem Schwamm. Doch auch Schwämme sind irgendwann voll. Zu viele Informationen führen zu kognitiver Überlastung – einem Zustand, in dem das Gehirn schlicht überfordert ist. Entscheidungen werden schwieriger. Lernen wird langsamer. Erinnerungen verblassen. Angst nimmt zu. Selbst Empathie leidet, weil echtes Verstehen mentale Freiräume braucht.

Du erlebst das täglich. Versuche, eine E-Mail zu lesen, während jemand mit dir spricht. Eine Aufgabe gewinnt immer, die andere verliert. Oder versuche zu schreiben, während der Fernseher läuft. Beides zugleich funktioniert nicht. Das Ergebnis ist oberflächliche Aufmerksamkeit überall und Tiefe nirgends.

Noch etwas: Das Geschlechter-Klischee

Nein,Frauen können Multitasking nicht besser als Männer. Das ist ein Mythos, den die Wissenschaft längst widerlegt hat. Eine Studie der RWTH Aachen mit jeweils 48 Frauen und Männern zeigte: Mussten sie zwei Aufgaben gleichzeitig erledigen, arbeiteten beide Geschlechter langsamer und ungenauer, schreibt das Forscherteam um die Psychologin Patricia Hirsch. Ein Unterschied zwischen den Geschlechtern? Nicht feststellbar.

Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat die Forschung zum Thema zusammengefasst: Befragungen unter Erwerbstätigen zeigen, dass sich viele Beschäftigte durch Unterbrechungen oder Multitasking belastet fühlen.

“Vielleicht ist dieses Rollenklischee auch eine Ursache für die höhere Burnoutrate von Frauen”, vermutet Professor Erbguth. Sie fordern sich womöglich mehr Multitasking ab als Männer, da sie es vermeintlich können müssen.

Der wahre Verlust

Der eigentliche Verlust ist größer als Zeit. Es ist verlorenes Potenzial. Kreativität braucht ungeteilte Aufmerksamkeit. Ideen entfalten sich nur, wenn sie nicht ständig unterbrochen werden. Einsicht braucht Stille. Denken braucht Dauer.

Das klingt fast wie eine Provokation in einer Arbeitswelt, die Geschwindigkeit und Verfügbarkeit belohnt. Aber ist es wirklich eine Katastrophe, wenn eine Antwort fünf Minuten länger dauert? Wenn etwas mal kurz liegen bleibt?

Gestaltung statt Selbstvorwurf

Die gute Nachricht: Das ist kein persönliches Versagen. Es ist ein Gestaltungsproblem. Und Gestaltungsprobleme lassen sich lösen.

Deine geistige Leistungsfähigkeit steigt nicht durch mehr Tempo, sondern durch klarere Entscheidungen. Weniger Jonglieren. Mehr Fokus. Weniger Reaktion. Mehr Absicht. Das heißt nicht, weniger zu leisten. Es heißt, weniger gleichzeitig zu tun – und das besser.

Was dem Gehirn wirklich hilft

Klare Prioritäten ersetzen endlose Aufgabenlisten, weil sie dich zwingen, Wichtiges von Dringendem zu trennen.

Ein bewusster Tagesstart gibt deiner Aufmerksamkeit Richtung, bevor andere sie an sich ziehen.

Zeitblöcke schützen konzentriertes Arbeiten, indem sie ihm Raum und Verbindlichkeit geben.

Volle Präsenz in Gesprächen stellt Respekt und Verständigung wieder her.

Übergänge zwischen Aufgaben erkennen an, dass Denken Trägheit hat und Zeit zum Umschalten braucht.

Singletasking folgt dem natürlichen Rhythmus des Gehirns und schafft Klarheit statt Zerstreuung.

Die stille Provokation

Das wirkt in einer permanent vernetzten Welt beinahe provokant. Vielleicht sogar riskant. Was, wenn jemand sofort eine Antwort erwartet? Was, wenn etwas liegen bleibt?

Doch nicht jede Verzögerung ist eine Katastrophe. Aufmerksamkeit ist kein Luxus. Sie ist Voraussetzung für echtes Handeln.

Weniger gleichzeitig, mehr wirklich

Die Ironie ist offensichtlich. Indem wir versuchen, alles gleichzeitig zu tun, schwächen wir unsere Fähigkeit, irgendetwas gut zu machen. Indem wir langsamer werden, gewinnen wir dort Geschwindigkeit, wo sie zählt. Wer sich auf weniger konzentriert, erreicht mehr.

Multitasking wird vermutlich noch lange in Unternehmensbroschüren stehen. Sprache ändert sich langsam. Gewohnheiten noch langsamer. Aber du musst nicht warten, bis Organisationen der Neurowissenschaft folgen.

Du kannst jetzt beginnen. Mit einer Aufgabe. Einem Gedanken. Einem Moment echter Präsenz.

In einer Welt, die ständig um deine Aufmerksamkeit buhlt, wird die bewusste Entscheidung, wo du sie einsetzt, zu einer stillen Form von Intelligenz.