
Stell dir einen kleinen Teich vor. Auf dem Wasser schwimmt eine Seerose. Eine einzige.
Am nächsten Tag sind es zwei. Am Tag darauf vier. Dann acht. Nichts, worüber man sich besonders aufregen müsste. Im Gegenteil: Es sieht ziemlich idyllisch aus.
Die Seerosen verdoppeln ihre Fläche jeden Tag. Und weil sie am Anfang so klein sind, fällt das kaum auf. Selbst wenn am 20. Tag die Hälfte des Teiches noch frei ist, könnte man sagen: „Ach, da ist doch noch reichlich Platz.“
Nur: Am nächsten Tag ist der Teich voll.
Das ist der kleine Trick des exponentiellen Wachstums. Es kommt nicht mit großem Getöse. Es wächst eine ganze Weile beinahe unsichtbar vor sich hin – und dann verändert sich die Größenordnung so schnell, dass unser Gefühl dafür nicht mehr hinterherkommt.
Exponentielles Wachstum
Der Teich und die eine Seerose
Auf dem Wasser schwimmt eine Seerose. Eine einzige. Jeden Tag verdoppelt sie sich. Nach 30 Tagen ist der Teich voll. An welchem Tag ist er halb bedeckt? Schieb den Regler und finde es heraus.
Der Teich
bedeckt: fast 0 %Die Wachstumskurve
Konzept und Grafik: Thomas Schmenger, medientanz.de
Und genau deshalb begegnet uns die Seerose auch außerhalb von Teichen.
Beim Geld etwa. Wenn sich Kapital durch Zinsen immer weiter vermehrt, werden nicht nur die ursprünglichen 100 Euro verzinst, sondern irgendwann auch die Zinsen. Das Geld beginnt gewissermaßen, weiteres Geld zu erzeugen. Am Anfang sieht das langweilig aus. Über längere Zeit kann daraus allerdings eine erstaunliche Summe werden.
Bei einem Virus funktioniert die Sache ähnlich. Wenn jeder Infizierte im Durchschnitt mehrere weitere Menschen ansteckt, wächst die Zahl zunächst langsam. Ein paar Menschen, dann einige Dutzend. Und plötzlich sind es Tausende. Nicht weil das Virus eines Morgens beschlossen hätte, besonders fleißig zu sein, sondern weil jede neue Generation die nächste hervorbringt.
Beim Klima ist die Sache komplizierter – aber das Bild hilft trotzdem. Die Erde erwärmt sich nicht einfach jeden Tag um den doppelten Betrag. Doch es gibt Prozesse und Rückkopplungen, die sich gegenseitig verstärken können: Eis schmilzt, dadurch wird weniger Sonnenlicht zurück ins All reflektiert, dadurch erwärmt sich die Oberfläche stärker. Auftauende Böden können zusätzliche Treibhausgase freisetzen. Solche Prozesse erinnern uns daran, dass ein System nicht immer brav und linear reagiert.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft der Seerose:
Wir Menschen sind ziemlich gut darin, Mengen einzuschätzen, die gleichmäßig wachsen. Zehn, zwanzig, dreißig – das können wir uns vorstellen.
Aber wenn etwas aus seinem eigenen Wachstum heraus weiterwächst, wird unsere Vorstellungskraft schnell müde.
Und deshalb kann der entscheidende Moment genau der sein, in dem scheinbar noch gar nicht viel passiert.
Die Seerose ist noch klein.
Der Teich sieht noch leer aus.
Und trotzdem kann es höchste Zeit sein, etwas zu tun.
