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Die Verkrempelung der Welt

Wenn die Antwort eine App ist – was war die Frage?

Die Verkrempelung der Welt. Zum Stand der Dinge (des Alltags) ist ein 2025 erschienenes Sachbuch des deutschen Autors Gabriel Yoran.

Der Herd, der dich vergisst

Stell dir vor, du kaufst einen Herd – und er verlangt von dir, dass du eine Bedienoberfläche lernst. Keine Drehknöpfe mehr, die man Knebel nennt, sondern eine glatte Touchfläche, ausgerechnet dort platziert, wo die heiße Pfanne steht. Verschiebst du die Pfanne ein paar Zentimeter, schaltet alles ab, und das Gerät vergisst, was wo eingestellt war. Es funktioniert nicht mit nassen Fingern – in einer Küche, wo Wasser zum Handwerk gehört. Die Skala läuft nicht mehr von eins bis neun, sondern in einer Logik, die niemand aus einem Kochrezept kennt. Hier beginnt eine Frage, die Gabriel Yoran in seinem Vortrag über die „Entkrempelung der Welt” auf der republica 26 in Berlin auseinandernimmt: Warum bekommen wir Produkte, die schlechter sind, als sie sein müssten – obwohl die Technik dahinter eigentlich gut ist?

Ein Wort für das Phänomen

Yoran nennt diese Dinge Krempel. Nicht Schrott, nicht Müll – Krempel ist das, was im Keller liegt, weil man sich noch nicht trennen mag, obwohl seine Zeit gekommen ist. Das Tückische daran: Wir erwarten das Gegenteil. Wer in den Neunzigern groß wurde, hat eine Erzählung verinnerlicht, in der alles immer besser wird – Mobilfunk, Internet, das große Versprechen vom Fortschritt. Und nun das Gefühl, seit Jahren beobachten zu müssen, wie sich diese Verlässlichkeit auflöst. Das Buch dazu wurde, fast gegen den Willen seines Autors, ein Bestseller – weil es eben nicht nur um Warenkunde geht, sondern um etwas Politisches. Ganz sicher kein Krempel!

Scheininnovation – Fortschritt als Kostüm

Der schärfste Indikator für Krempel ist die Scheininnovation: etwas, das aussieht wie Fortschritt, aber keiner ist. Touchflächen ersetzen Knebel nicht, weil sie besser wären, sondern weil sie billiger sind – keine beweglichen Teile, kein schönes Material, das man in Form bringen muss. Manche Hersteller bauen Töpfe, deren Temperatur man am Griff einstellt – die dann natürlich nur auf dem eigenen Herd und nicht im Backofen funktionieren. Ein geschlossenes Ökosystem für Pfannen, als wäre die Küche ein Smartphone-Markt. Andere Geräte wollen unbedingt ein anderes Produkt sein: ein Seifenspender mit Empfangsstärken- und Akkuanzeige, der heimlich davon träumt, ein iPhone zu werden. Die Kränkung vieler Produktabteilungen ist, dass ihr Ding eben nicht jenes eine Gerät ist, das eine ganze Ästhetik geprägt hat. Also wird Komplexität dort eingebaut, wo Schlichtheit genügt hätte.

Die KI muss überallhin

Inzwischen reicht es nicht mehr, dass ein Backofen heizt – er soll das Essen fotografieren und selbst die Temperatur wählen, hundert Gerichte im Repertoire. Ein Kaffeevollautomat lässt sich „bequem vom Sofa aus” per App bedienen, was nur dann Sinn ergibt, wenn jemand anderes die Tasse in die Küche stellt. In der neuen Luxusvariante einer Mittelklasse-Limousine kannst du über einen meterbreiten Bildschirm in einen „immersiven Waldmodus” wischen, samt grüner Sternenbeleuchtung im Dach. Das Muster ist immer dasselbe: Überall wird gerade Künstliche Intelligenz eingebaut, ob man will oder nicht, ohne dass jemand gefragt hätte. Es gibt sinnvolle Anwendungsfälle – aber die Unausweichlichkeit, mit der uns das als das Neue verkauft wird, ist selbst ein Problem. Wenn das die Antwort ist, lautet die ehrliche Frage: …???

Der Brauseschlauch und die ETF-Falle

Das alles wäre nur komisch, wäre es nicht zugleich ein Spiegel. Yoran erzählt von seinem Duschschlauch, der sich störrisch verdreht, weil ihm ein Bauteil fehlt, das seit Jahrzehnten Standard war – der beidseitige Drehwirbel. Den gibt es jetzt gegen Aufpreis, doppelter Preis, vermarktet als Premiumfunktion „Twist Free”, die deine Bewegungen angeblich voraussieht. Quasi KI. Wer profitiert von diesem Aufschlag? Womöglich man selbst, sehr abstrakt, über die ETFs in der Altersvorsorge – jene breit gestreuten Aktienfonds, die nur steigen, wenn die Firmen ihre überteuerten Dinge an den Mann bringen. Lebensqualität heute gegen ein vages “Vielleicht später”: ein stiller Tausch, in dem wir alle mittendrin stecken.

Warum der Markt das nicht heilt

Nach reiner Lehrbuchlogik dürfte es Krempel gar nicht geben – gute Produkte sollten schlechte verdrängen. Nur funktioniert dieser Wettbewerb kaum, weil hinter vielen Marken dieselben wenigen Konzerne stehen. Bei Küchengeräten verbergen sich mehrere bekannte Namen unter einem einzigen Dach, der nächstgrößere Wettbewerber bündelt den Rest – ein Oligopol, also ein Markt weniger Anbieter, der nur so tut, als gäbe es Auswahl. Auch auf Bewertungen ist wenig Verlass: Menschen vergleichen ein Produkt nicht mit anderen, sondern mit ihrer Erwartung daran. Fünf Sterne von jemandem, der seinen ersten Saugroboter feiert, wiegen weniger als drei Sterne von jemandem, der zehn davon verschlissen hat. Dazu kommt die Enshittification – Cory Doctorows Wort für Plattformen, die mit der Zeit immer schlechter werden, weil man sie kaum noch verlassen kann. Wer hat schon erfolgreich einen Messenger gekündigt, in dem die halbe Nachbarschaft hängt?

Die Kultur der Vorläufigkeit

Es gibt einen Grund, warum sich diese Logik gerade von der Software in die Hardware frisst. Software-Nutzer haben sich vor langer Zeit damit abgefunden, dass nichts je fertig ist – voller Fehler, inkompatibel, irgendwann kommt ein Update, das die eine Hälfte der Probleme löst und neue mitbringt. Diese Haltung der Vorläufigkeit wandert nun in Kühlschränke, Mikrowellen, Autos. Plötzlich brauchst du eine neue Firmware für die Mikrowelle – an einer Stelle, wo Beständigkeit das Mindeste wäre. Und natürlich will jeder Hersteller seine App, denn die App schickt Mitteilungen, und Mitteilungen verkaufen das nächste Produkt. So wird unsere Aufmerksamkeit von Geräten zerfasert, die sich gar nicht mitteilen müssten. Eine Waschmaschine, die nach dem Schleudern fünfunddreißig Sekunden lang ein Lied der deutschen Romantik spielt, hat diese Romantik nicht verdient.

Niemand will dein Produkt benutzen

Den vielleicht klügsten Satz richtet Yoran an alle, die Produkte gestalten: Niemand will dein Produkt benutzen. Die Leute müssen – aber sie wollen sich nicht länger damit befassen als nötig, kein Bedienkonzept lernen, nicht belehrt werden, wie intuitiv es sei. Wer das prüfen will, setze sich in einen fremden Mietwagen und versuche, ihn zu starten und die Klimaanlage zu finden. Der Maßstab ist einfach: Menschen wollen dein Gerät nicht zu ihrem Hobby machen. Hinter dem ganzen Krempel steckt am Ende eine sehr menschliche Frage – warum sagt eigentlich niemand Nein? Den Backofen mit Kamera gäbe es nicht, hätte in der Entwicklungsabteilung jemand gesagt: Tut mir leid, aber nein. Stell dir vor, ein Produktmanager stünde auf und gäbe zu, dass die billige Touch-Lösung niemandem nützt.

Lösungen jenseits des Reparaturcafés

Yoran macht sich keine Illusionen über Reparaturcafés – schön gedacht, aber bei verklebten, elektronikvollen Geräten oft ein Hobby, keine Lösung. Sein Repertoire ist radikaler und reicht von verspielt bis ernst:

Produkte für Schwellenländer kaufen. Waschmaschinen und Herde, die für Südeuropa oder die Türkei gebaut werden, kommen häufig mit echten Knäufen statt Touch und ganz ohne dieses Befassungsbedürfnis.

Besitz durch Dienstleistung ersetzen. Du willst keine Waschmaschine besitzen, du willst saubere Wäsche – also soll der Hersteller dafür haften und das Gerät ersetzen, wenn es streikt. Geräte, die man nicht verkauft, sondern als Service betreibt, halten plötzlich nicht zehn, sondern zwanzig oder dreißig Jahre.

Kostenwahrheit erzwingen. Das Fünf-Euro-Shirt bildet die Schäden für Umwelt und Transport nicht ab – diese Externalitäten, also Folgekosten, die jemand anderes trägt, gehörten in den Preis.

Berechtigungszertifikate. In Singapur kostet das Recht, ein Auto zu fahren, ein Vielfaches des Autos selbst, alle zwei Monate neu versteigert – und finanziert einen exzellenten Nahverkehr.

Dazu längere Gewährleistungsfristen: Warum endet sie nach zwei Jahren und nicht nach zehn oder fünfzehn? In Kalifornien gibt es für bestimmte Batterien bereits zehn Jahre – was eine der größten Volkswirtschaften der Welt schafft, sollte anderswo möglich sein.

Die demokratische Bedürfnisdebatte

Hinter all dem liegt ein größeres, unbequemes Problem: In einer liberalen Gesellschaft werden Bedürfnisse nicht hinterfragt. Du darfst alles, wenn du es bezahlen kannst – Cybertruck, Kreuzfahrt, das zweite Gerät, das du nie wirklich brauchst –, und das gilt als Ausdruck deiner Individualität. Wer fragt, ob ein Bedürfnis legitim ist, bekommt sofort den Vorwurf der Bedürfnisdiktatur. Dabei lädt dieses Schweigen die ganze moralische Last bei denen ab, die am wenigsten Marktmacht haben: bei dir, beim Konsumierenden, der jeden Tag aufs Neue der Verführung widerstehen soll. Deshalb wäre eine demokratische Bedürfnisdebatte hoffnungsvoll – ein offenes Gespräch darüber, welche Konsumformen wir weniger legitim finden als andere, damit nicht jeder Einzelne allein gegen die permanente Neuentfachung von Wünschen anlaufen muss. Solche Hierarchien sind nicht neu; Theoretikerinnen wie Agnes Heller dachten in den Siebzigern darüber nach, und die französischen Konvivialisten tun es heute, mit den Grundrechten an erster Stelle. Und ganz oben, wenig überraschend, steht nicht der bessere Herd, sondern der andere Mensch.

Die Zukunft gehört den Dingen, die uns in Ruhe lassen – und den Gesprächen, die uns endlich wieder zusammenbringen
Thomas Schmenger