HITZE, MENSCH UND EIN BEIFAHRER NAMENS EL NIÑO Vortragsskript, ca. 7 Minuten
[Einstieg]
Wer ist schuld am Hitzesommer?
Frag zehn Leute, neun sagen: El Niño. Klingt gut, klingt nach Wissenschaft, klingt nach Ausrede. Und ist trotzdem falsch, oder besser: falsch gewichtet.
Ich sag’s gleich am Anfang, damit ihr den Satz mitnehmt, auch wenn ihr gleich einschlaft: Am Steuer der Hitze sitzt seit Jahrzehnten der Mensch. El Niño hat sich diesen Sommer auf den Beifahrersitz gesetzt und ab und zu am Lenkrad gerüttelt. Mehr nicht.
Merkt euch den Beifahrer. Der kommt wieder.
[El Niño, ultrakurz]
Kurz, ganz kurz, was El Niño überhaupt ist, für alle, die bei dem Wort bisher nur genickt haben, ohne es zu verstehen. Ich auch, lange Zeit.
Am Äquator, im Pazifik, blasen normalerweise Winde warmes Wasser nach Westen, Richtung Asien. Lassen die Winde nach, bleibt die Wärme im Osten liegen, also vor der Küste Südamerikas, ungefähr auf Höhe von Peru und Ecuador, und heizt die Luft darüber auf. Das ist alles. Kein Mysterium, keine Verschwörung, nur Wind, der eine Pause macht.
Und dieser Pausen-Effekt taucht unregelmäßig auf, alle zwei bis sieben Jahre, im Schnitt etwa alle vier. Gerade erleben wir einen besonders kräftigen, superstark nennen die Fachleute ihn, weil der Messwert schon jetzt über der Schwelle liegt, ab der man offiziell “sehr stark” sagen darf. Höhepunkt: irgendwann zwischen November und Januar. Dann klingt er ab, wie immer, bis zum nächsten Frühjahr.
Superstark. Aber, und jetzt kommt’s: immer noch Beifahrer.
[Die Klimadetektive]
Jetzt wird’s spannend, versprochen.
Es gibt inzwischen eine ganze Forschungsdisziplin, die nichts anderes macht, als Wetterereignissen einen Fingerabdruck abzunehmen. Attributionsforschung heißt das, ich nenn’s einfach: Klimadetektive. Die simulieren eine Welt ohne menschengemachte Erwärmung, und vergleichen sie mit der echten. Und dann können sie ziemlich genau sagen: Diese Hitzewelle, genau die hier, wurde durch die Erderwärmung so und so viel wahrscheinlicher. Nicht durch Zufall. Durch uns.
Für die Hitzewelle in Europa im Juni 2026 war das Ergebnis eindeutig: verglichen mit dem Klima von 1976 wäre das praktisch unmöglich gewesen. Praktisch unmöglich. Nicht selten. Unmöglich.
Und in Südasien, wochenlange Hitze im April, dreimal wahrscheinlicher durch den Klimawandel. Dreimal.
Und El Niño in all dem? Bei einem vergleichbaren Fall auf den Philippinen: zwei Zehntel Grad. Zwei Zehntel. Der Beifahrer hat kurz genickt, mehr war da nicht.
[Die Überraschung]
Und jetzt der Teil, der mich selbst überrascht hat, als ich recherchiert habe.
Man könnte ja denken, das ist alles europäische, amerikanische Wissenschaft, mit eigener Agenda. Ist es aber nicht.
China misst seit 1961 den gleichen Trend, mit eigenen Wetterstationen, eigenen Instituten, und findet: eine Hitzewelle 2023, fünfzigmal wahrscheinlicher durch den Klimawandel. Indien misst seit 1901, ihr Wetterdienst nennt 2025 offiziell das achtwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Und aus Kenia kommt eine Forscherin namens Joyce Kimutai [sprich: Dschoiss Ki-mu-tai] zu dem vielleicht klarsten Satz von allen: Für eine Hitzewelle im Sahel, bei der es 48,5 Grad hatte, achtundvierzig Komma fünf, sagt sie: ohne den Menschen wäre das schlicht nicht passiert.
Peking. Puna, südöstlich von Mumbai. Nairobi. Drei Kontinente, drei Wetterdienste, drei völlig unabhängige Messreihen. Und alle kommen auf dasselbe Ergebnis.
Das ist kein Zufall mehr. Das ist, ganz ehrlich, ziemlich beeindruckende Wissenschaft.
[Der Zweifel zieht um]
Trotzdem, und das gehört auch dazu, zweifeln immer noch viele Menschen. Weltweit sagen 36 Prozent, sie glauben nicht, dass der Mensch dahintersteckt.
Aber hier wird’s interessant: Der Zweifel zieht um. Er verlässt die Wissenschaft, wo er kaum noch wohnt, und zieht in die Gesellschaft, wo er es sich ziemlich hartnäckig eingerichtet hat. Und er wohnt auch nicht überall gleich gerne: am liebsten in Ländern, die viel Geld mit Öl und Gas verdienen. Und, das fand ich fast tröstlich, am wenigsten dort, wo die Menschen die Hitze längst am eigenen Leib spüren, in Südamerika zum Beispiel, wo zwei Drittel ganz sicher sind, woher das kommt.
Wer’s spürt, zweifelt weniger. Merkt euch das auch.
[Schluss]
Kommen wir zum Beifahrer zurück, ein letztes Mal.
El Niño wird abklingen, spätestens im nächsten Frühjahr, so wie er es immer tut. Der Beifahrer steigt aus. Am Steuer sitzt weiter derselbe, bis wir selbst übernehmen.
Und das ist, trotz aller Hitzerekorde, die eigentlich hoffnungsvolle Nachricht dieses Vortrags: Wir wissen jetzt, wer fährt. Die Diagnose steht. Jetzt ist Behandlung dran.
[Zum Mitnehmen]
Und falls ihr nachher nur einen Satz behaltet, nehmt diesen: Am Steuer sitzt der Mensch, El Niño sitzt daneben, und steigt bald wieder aus.
Danke.
