Gestaltung

Wir brauchen konkrete Strategien für die Transformation unserer Lebensbereichen. Ideen aus Kunst und Design bieten hierzu interessante Anregungen.

Der sich beschleunigende Klimawandel, Ressourcen-Verknappung, Artensterben und weltweite heftige soziale und politische Unruhen lassen uns ahnen, dass es absehbar zu heftigen und ungemütlichen Prozesse kommen wird, die unsere globalen Zukunftsfragen neu aufmischen werden.

Die Zukunftsprognosen reichen von apokalyptischen Weltuntergangs-Szenarien bis hin zu träumerischen Perspektiven, bei denen „am Ende alles gut wird“. Nüchterner betrachtet können wir dann feststellen, dass wir den Ausgang dieser globalen Krisen einfach nicht kennen, da Zukunfts- Vorhersagende Glaskugeln – auch die digitalen – immer noch nicht zuverlässig funktionieren. Aber ein „weiter so“ ist ganz sicher keine schlaue Lösung für die Zukunft. Einfach schon deshalb, weil gewohnte Konzepte oft einfach nicht mehr funktionieren.

Eine große Zeitenwende bringt eine radikale Umformung vieler Lebensbereiche mit sich und die kreative Methoden, die Künstler und Designer in den letzten Jahrhunderten eingeübt haben, können dabei diese Umformungsprozesse methodisch unterstützen, denn diese beiden Gestaltungskategorien suchen traditionell mit eigenen Methoden nach neuen Gestaltung – Lösungen.

Doch wie unterscheiden sich deren Vorgehensweisen? Wo ist der Unterschied zwischen Kunst und Design?

Mal ganz grob zunächst einige Merkmale, die einige Unterschiede zwischen den beiden Gestaltungsansätzen herausschälen wollen:

Mit einem auf ein Ziel gerichteten Design erfüllen wir in der Regel eine konkrete Aufgabe. Designer wollen ein Problem lösen. Und daraus ergibt sich eine Verkettung von Aufgaben. Ein Smartphone zum Beispiel wird erst dann gerne genutzt, wenn es für den Anwender übersichtlich, funktional und ästhetisch ist. Hier braucht es für den Entwurf des Gerätes dann ein präzises Design – Ziel, das die Konstrukteure ohne Umwege erreichen wollen. Sie überlegen, kalkulieren, entwerfen. Wenn das Teil am Ende, also nach der Produktion, dann reibungslos funktioniert, ist die Aufgabe und das Problem – ein Smartphone herzustellen, gelöst.

Natürlich finden solche Design – Strategien nicht nur beim Entwurf von Produkten Anwendung, sondern sie punkten überall dort, wo es um eine stabile und konkrete Erfüllung einer Aufgabe geht: Wir finden zielgerichtete Methoden der Formgebung überall dort, wo Menschen im Wechselspiel mit ihrer Umwelt agieren, um eine Verbesserung oder Verschönerung ihrer Lebensumstände zu erreichen: Beispielsweise in der Mode, der Kommunikation, bei logistischen Problemen, im Verkehr, in der Medizin, natürlich auch in der Architektur, und selbst Politik und in Teilen auch Psychologie und sogar Sprache läßt sich mit einem festen Gestaltungsziel verbinden. Designer:innen lernen voneinander, holen sich Inspirationen aus der Natur, machen Fehler, korrigieren und entwerfen immer wieder neu, um ihrem hohen Ziel näher zu kommen.

Wozu braucht es dann aber diese Kunst zur Bewältigung unserer Krisen? Der künstlerische Prozess unterordnet sich nicht einem festgelegten Ziel. Kunst bleibt – wenn’s gut geht – zweckfrei. So können durch künstlerische Strategien neue Sichtweisen, Fragen und Ideen entstehen. Mehr noch: In der Kunst können wir frei spielen, mit unterschiedlichen Medien und Materialien Versuche unternehmen, dabei auch vorgegebene Tabus übertreten, frei experimentieren und – wir dürfen hier auch endlich dem absurden oder ungewohnten Fremden offen begegnen. Künstlerinnen und Künstler kochen in der Ursuppe- sie wildern im Chaos, – dort wo die Gestaltungskraft köchelt und brodeln. Und dort, wo uns alles noch irgendwie verbindet.

Und dieses Spiel wird für uns alle überlebenswichtig. Die Arbeit in der Kunst bietet als Ergänzung für unsere kreative Gestaltung eine weitere wertvolle Qualität: In der Kunst erwacht eine kreative Unruhe und eine fruchtbare Un – Eindeutigkeit. Allein dadurch ergibt sich ein größerer Freiraum für neue Ideen. Und Ideen brauchen wir in unserer komplexen Welt.

Durch ein offenes Zusammenspiel der beiden Gestaltungsstrategien, dem streng zielgerichtete Design und der zweckoffenen, oft spielerischen Kunst kann am Ende ein kulturelles Wachstum gefördert werden.

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