Milchmädchen

Das Milchmädchen trat früh am Morgen aus der niedrigen Hütte, den Krug fest an die Hüfte gedrückt, als trüge sie darin nicht bloß Milch, sondern ein ganzes Versprechen an den Tag. Der Weg zum Markt war nicht weit, doch in ihrem Kopf spannte er sich zu einer großen Reise. Jeder Schritt ließ den Krug ein wenig schwanken, und sie hörte in der Bewegung schon das leise Klingen von Münzen, die ihr am Abend gehören würden. Sie sah sich, wie sie das Geld zählte, das Tuch glättete, den Rock kaufte, und vielleicht, wenn noch etwas übrigbliebe, die roten Schuhe, die sie schon so lange im Laden betrachtete. Der Krug wurde schwerer, doch ihre Gedanken wurden leicht, so leicht, dass sie fast vergaß, wie dünn der Boden unter ihren Füßen war.

Das Dorf schlief noch halb, als sie vorbeiging. Hunde reckten sich in den Höfen, die Hähne gaben krächzende Laute von sich, und die ersten Rauchfahnen stiegen aus den Schornsteinen. Alles war von jener ruhigen Ordnung, die den Morgen ausmacht, wenn das Licht noch nicht grell und der Tag noch nicht laut geworden ist. Das Milchmädchen aber hörte kaum hin. Sie war weiter fort, weiter als die Schritte sie trugen, und sah schon den Markt, die Käufer, die feilschenden Stimmen. Sie hörte, wie eine Frau sagte: „So frisch ist keine andere Milch, das Mädchen hat sie direkt vom Hof.“ Sie spürte den Stolz, die Anerkennung, und es war, als ob der Krug, den sie trug, nicht nur für sie, sondern für die ganze Welt bestimmt sei.

Auf dem Marktplatz sah sie die anderen, wie sie Körbe mit Gemüse aufstellten, Brote zurechtrückten, Fische ausnahmen. Sie aber stellte den Krug auf ein kleines Tuch, das sie sorgfältig ausgebreitet hatte, und sah ihn an, als sei er ein Schatz. In der Sonne glänzte das Glas, und die weiße Flüssigkeit schimmerte wie ein geheimnisvoller Spiegel. Menschen kamen, legten Münzen hin, nahmen Kannen mit, und sie spürte den warmen Stolz, den nur jene kennen, die mit den Händen etwas in die Welt getragen haben. Sie sah, wie die Münzen mehr wurden, wie der Beutel schwerer wurde, und in ihrem Kopf verwandelten sie sich schon zu Kleidern, Schuhen, vielleicht sogar zu einem goldenen Kettchen, das man am Sonntag tragen konnte.

Doch der Krug stand nicht still. Er schwankte mit jeder Bewegung, jeder Geste. Sie träumte weiter, und das Träumen machte ihre Schritte leichtfertig. In der Vorstellung sah sie sich schon tanzen in dem neuen Kleid, mit den Schuhen, die glänzten, mit dem Kettchen, das ihr Hals umspielte. Der Markt wurde zum Saal, die Stimmen zu Musik, das Pflaster zum Tanzboden. Sie drehte sich, lachte, hörte Beifall. Der Krug aber kippte, unbemerkt zunächst, dann unwiderruflich. Ein Riss, ein Schlag, ein Ausgießen. Die Milch rann über die Steine, floss in die Ritzen, verschwand im Staub.

Die Menge stutzte, jemand lachte, jemand schüttelte den Kopf. Das Mädchen stand stumm, die Hände leer, der Krug zerbrochen. Alle Bilder, die eben noch in ihrem Kopf tanzten, zerfielen mit ihm. Kein Kleid, keine Schuhe, kein Kettchen. Nur der Morgen, der plötzlich schwer war, und das leise, fast spöttische Tropfen der letzten Milch. Sie wollte die Scherben aufheben, doch der Schnitt in ihrer Hand belehrte sie, dass es vergeblich war. Da ließ sie alles liegen, stand da, wie jemand, der auf einmal alles verliert, ohne je etwas wirklich besessen zu haben.

Sie spürte die Blicke der anderen, doch keiner half ihr. Vielleicht, weil sie zu jung war, vielleicht, weil jeder seine eigenen Sorgen hatte. Sie ging ein paar Schritte zurück, der Rock noch von Staub gesäumt, und fühlte, dass sie in einem einzigen Augenblick gelernt hatte, was Jahre nicht lehren konnten: dass Träume leicht sind wie Schaum und zerbrechen können, wenn man sie zu hastig trägt. Doch in ihr regte sich auch etwas anderes, etwas, das nicht ganz verlorenging. Denn während sie den Markt verließ, die Hände leer, den Blick gesenkt, wusste sie doch: Der Morgen wird wiederkommen. Die Kühe werden wieder Milch geben. Und sie selbst wird wieder gehen, wieder den Krug tragen, wieder hoffen. Vielleicht vorsichtiger, vielleicht fester im Schritt, vielleicht mit weniger Bildern im Kopf. Aber sie wird gehen.

So ging das Milchmädchen heimwärts, und die Sonne stieg höher. In ihrem Schatten lagen die Scherben, im Licht lag der neue Tag.