Fluide Moral – wenn das Pendel ausschlägt
Jetzt ein Begriff, der erst einmal stört: Fluide Moral. Klingt verdächtig. Nach Beliebigkeit. Nach das-ist-halt-meine-Wahrheit und Ende der Diskussion.
Aber gemeint ist etwas anderes. Etwas Mutigeres.
Fluide Moral bedeutet: Werte sind lebendig. Sie entwickeln sich. Was heute als selbstverständlich gilt – Gleichberechtigung, Würde aller Lebewesen, Klimaverantwortung – war gestern umstritten und vorgestern undenkbar. Moral ist kein Denkmal. Sie ist ein Fluss.
Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget beobachtete bei Kindern, dass Moral sich von außen nach innen bewegt: von übernommenen Regeln zu selbst entwickelten Prinzipien. Erwachsenenmoral – wenn sie reift – macht dasselbe. Sie fragt nicht mehr nur Was ist die Regel?, sondern Warum gilt sie? Für wen gilt sie nicht? Was übersieht sie?
Zygmunt Bauman, der polnische Soziologe, hat das für unsere Zeit beschrieben: In der flüssigen Moderne – einer Gesellschaft, in der Strukturen sich schneller auflösen als sie sich neu bilden – kann Moral nicht mehr auf alten Fundamenten ruhen. Sie muss mit der Unsicherheit tanzen, statt vor ihr zu flüchten.
