Procrastination

Also. Ich kann das jedenfalls sehr gut, dieses alles auf die lange Bank schieben …

Aber kann man dieses Furchtbar akademische Wort auch verschieben?

Prokrastination. Fünf Silben, lateinisch, klingt wie eine kratzige schorfige Krankheit aus den Tropen, die leicht eitert. Dabei meint das Wort nur, was jeder kennt: Man müsste. Man könnte. Man macht es später.

Es geht vielleicht auch einfacher. Aufschieben. Vertagen. Auf die lange Bank schieben. Oder ganz ehrlich: sich einfach drücken.

Die brutale Rechnung

Stell dir vor, du hast jeden Tag hundert Prozent Energie. (Du kennst das vom vollgeladenen Handy morgens, volle Power) Eine anstehende Aufgabe kostet davon zwanzig. Machst du sie sofort, sind die zwanzig weg und die Aufgabe ist erledigt.

Schiebst du sie eine Woche, also prokrastinierst du, kostet sie trotzdem zwanzig. Aber sie ist die ganze Zeit zusätzlich in deinem Kopf: beim Frühstück, unter der Dusche, abends im Bett. Jeder Tag, an dem du daran denkst und es nicht tust, kostet sie Prozente extra. Am Ende hat dich dieselbe Aufgabe fünfzig Prozent deiner Tagesenergie gekostet, obwohl du sie nicht einmal angefangen hast.

Aufschieben fühlt sich an wie Sparen. In Wirklichkeit ist es ein Kredit mit hohen Zinsen.

Zum Trost: Faul bist du nicht!

Freitagabend. Die Steuerunterlagen liegen seit sieben Wochen flehend und wartend auf dem Tisch. Inzwischen sogar mit Kaffeeflecken. Und du putzt den Kühlschrank mit der Zahnbürste. Faule Menschen liegen auf dem Sofa. Du schrubbst wie wild den Kühlschrankschimmel weg.

Der Psychologe Piers Steel hat viele Studien zum Aufschieben ausgewertet. Sein Ergebnis: Mit Intelligenz hat es nichts zu tun, mit Charakter kaum. Es hängt vor allem davon ab, wie weit die Aufgabe weg ist und wie unangenehm sie sich anfühlt.

Du weichst also nicht der Arbeit aus. Du weichst dem Gefühl aus, das die Arbeit auslöst — zum Beispiel der Angst, dabei nicht gut genug zu sein. Ein Regal aufzubauen sagt nichts über dich. Ein Buch zu schreiben schon. So wird aus einer Aufgabe eine Prüfung. Und Prüfungen verschiebt man. Deshalb bleibt ausgerechnet das Wichtigste am längsten liegen.

Was hilft

Begrenzen. Die Psychologin Margarita Engberding hat in Münster die erste Beratungsstelle für Aufschieber in Deutschland mit aufgebaut. Ihr wichtigster Rat überrascht: weniger arbeiten. Eine halbe Stunde, fest verabredet, dann Schluss — auch wenn es gerade gut läuft. Eine Aufgabe ohne Ende wirkt wie ein Abgrund. Eine halbe Stunde kann jeder.

Vorher entscheiden. Nicht “diese Woche irgendwann”, sondern: Montag, nach dem Kaffee, öffne ich die Datei. So musst du am Montag nicht mehr überlegen. Du hast schon entschieden.

Freundlich bleiben. Wenn es schiefgeht, hilft es nicht, sich selbst zu beschimpfen. Das macht die Aufgabe nur noch unangenehmer. Wer sich eine verpatzte Woche verzeiht, sitzt nachweislich früher wieder am Schreibtisch. Nachsicht ist kein Luxus. Sie spart Energie. Und diese brauchen wir alle.