Spieglein, Spieglein an der Wand, ..?

Wenn Neuronen in den Spiegel schauen

Stell dir vor, du siehst jemandem beim Eisessen zu. In deinem Gehirn passiert dabei fast dasselbe wie beim Eisessen selbst – bestimmte Nervenzellen springen an, als würdest du den Löffel zum Mund führen. Das sind Spiegelneuronen: Sie feuern, wenn du selbst etwas tust, aber auch, wenn du nur zuschaust. Eine Art neuronaler Kopiermodus.

Du kannst das auch selbst ausprobieren: Schlage beim nächsten gemütlichen Kaffeplausch die Beine übereinander. Warte ab. Dein Gegenüber zieht manchmal nach – und hat keine Ahnung, warum.

Entdeckt wurden diese Nervenzellen zunächst bei Affen. Vermutlich hatten die Forscher nicht damit gerechnet, dass Makaken ihnen beim Verstehen menschlicher Empathie helfen würden. Aber so ist das manchmal in der Wissenschaft: Man sucht das eine und findet etwas ganz anderes. Inzwischen ist klar: Auch in unseren Köpfen werkelt dieser Mechanismus.

Was machen diese Neuronen eigentlich den ganzen Tag?

Zunächst einmal helfen sie dir, andere zu verstehen. Wenn jemand vor dir gähnt, gähnst du mit – kennst du sicher. Dahinter stecken Spiegelneuronen, die fremde Handlungen und Emotionen in dir nachzeichnen. So entsteht Empathie, ohne dass du groß nachdenken musst.

Auch beim Sprechen spielen sie mit. Kinder lernen Sprache nicht aus Lehrbüchern, sondern durch Zuhören und Nachahmen. Die Spiegelneuronen schaffen dabei die neurologische Brücke zwischen dem, was das Kind hört, und dem, was es selbst zu produzieren versucht.

Überhaupt ist Lernen durch Abschauen eine ihrer Spezialitäten. Vom Fahrradfahren bis zum Brotbacken – vieles eignest du dir an, indem du anderen über die Schulter blickst. Die Spiegelneuronen verwandeln Beobachtung in Können.

In Kunst und Kultur entfalten sie ihre ganze Kraft. Warum berührt dich ein Spielfilm? Weil dein Gehirn die dargestellten Emotionen nachempfindet, als wären es deine eigenen. Ein emotionales Echo, neuronal gesteuert.

Aber vorsicht: Was uns empathisch macht, lässt uns auch toxisches Verhalten übernehmen, ohne dass wir’s merken.
Thomas Schmenger

Hoffnung für die Klinik

Besonders interessant wird es in der Medizin. Bei Autismus oder Schizophrenie funktioniert die soziale Interaktion oft nicht reibungslos. Sollten Spiegelneuronen daran beteiligt sein, könnten sich neue Therapieansätze eröffnen. Das Verständnis dieser Zellen ist also mehr als akademische Fingerübung.

Noch viele Fragezeichen

Allerdings: Die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Manche Wissenschaftler bezweifeln, ob Spiegelneuronen wirklich so einzigartig sind, wie anfangs gedacht. Andere wiederum sehen in ihnen den Schlüssel zu allem, was uns sozial macht. Zwischen diesen Polen tobt eine freundliche – nun ja, meist freundliche – Debatte.

Was bleibt? Eine faszinierende Perspektive darauf, wie tief unsere soziale Natur in der Biologie verankert ist. Dein Gehirn ist offenbar von Haus aus darauf ausgelegt, sich mit anderen zu verbinden. Nicht schlecht für ein paar Milliarden Nervenzellen.