El Niño sitzt nur auf dem Beifahrersitz

von Thomas Schmenger

Die Kurzfassung, für alle, die nur einen Satz mitnehmen wollen

Am Steuer der Hitze sitzt seit Jahrzehnten der Mensch, El Niño hat sich diesen Sommer nur auf den Beifahrersitz gesetzt und gelegentlich am Lenkrad gerüttelt. Das lässt sich inzwischen so genau vermessen, dass Forschende in Peking, Pune und Nairobi unabhängig voneinander auf dieselbe Zahl kommen. Genau das ist die eigentlich gute Nachricht in dieser Geschichte: Wir wissen, woran wir sind.

Ein Sommer mit zwei Verdächtigen

Wenn im Sommer wieder Rekordwerte über die Nachrichtenticker laufen, folgt fast reflexhaft ein zweiter Satz: Schuld sei diesmal auch El Niño. Das stimmt, klingt aber wichtiger, als es ist. Wer nachrechnet, wie viel Anteil das Pazifik-Phänomen tatsächlich an einzelnen Hitzewellen hat, landet meist bei Zehntelgraden, nicht bei Graden. Der große Treiber sitzt woanders, und die Wissenschaft, die ihn dingfest macht, ist inzwischen ziemlich gut in ihrem Job.

El Niño, ultrakurz erklärt

Normalerweise blasen die Passatwinde am Äquator warmes Pazifikwasser nach Westen Richtung Asien, während vor Südamerika kaltes Tiefenwasser nachströmt. Lassen die Winde nach, bleibt die Wärme im Osten liegen und gibt ihre Energie an die Atmosphäre ab, genau das ist El Niño: ein paar Zehntelgrad wärmeres Oberflächenwasser mit globalen Folgen. Das Muster taucht unregelmäßig alle zwei bis sieben Jahre auf, im Schnitt etwa alle vier Jahre, und dauert meist neun bis zwölf Monate, ein fester Rhythmus lässt sich daraus also nicht ableiten. Das aktuelle Ereignis dürfte laut US-Wetterbehörde NOAA zwischen November 2026 und Januar 2027 seinen Höhepunkt erreichen, danach schwächen sich El Niños erfahrungsgemäß bis zum folgenden Frühjahr ab, ein Abklingen im Laufe des Frühjahrs 2027 gilt daher aktuell als wahrscheinlichstes Szenario.

2026: ein Jahr am Rand des Rekords

Die ersten sechs Monate 2026 waren der drittwärmste Jahresstart seit Messbeginn, rund 1,4 Grad über dem vorindustriellen Niveau, nur getoppt von 2024 und 2025. Im tropischen Pazifik wächst zeitgleich eines der am schnellsten intensivierenden El-Niño-Ereignisse der modernen Messgeschichte heran, mit Modellen, die es auf Kurs zum stärksten je gemessenen sehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass 2026 den Hitzerekord von 2024 bricht, hat sich laut Carbon Brief binnen vier Monaten auf 35 Prozent fast verdoppelt. Der Klimaforscher Daniel Swain gibt zu bedenken, dass die Menschheit noch nie ein derart starkes El Niño auf einem bereits so warmen globalen Ausgangsniveau erlebt hat, gewissermaßen ein Naturexperiment, das so noch niemand gesehen hat.