El Niño sitzt nur auf dem Beifahrersitz

Was die Detektive der Klimaforschung herausgefunden haben

Die sogenannte Attributionsforschung vergleicht reale Wetterereignisse mit Simulationen einer Welt ohne menschengemachte Erwärmung, eine Art Alibi-Check fürs Klima. Für die Hitzewelle, die Europa im Juni 2026 überzog, kommt die Forschungsgruppe World Weather Attribution zu einem klaren Ergebnis: Verglichen mit dem Klima von 1976 wäre eine solche Hitze praktisch unmöglich gewesen. Speziell die ungewöhnlich hohen Nachttemperaturen sind gegenüber dem Jahr 2003 heute mehr als hundertmal wahrscheinlicher, zwei verschiedene Vergleichswerte, die aufs selbe Bild hinauslaufen. Für die wochenlange Hitzewelle in Südasien im April 2026 fanden dieselben Forscher, dass der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses in etwa verdreifacht hat.

Der Beifahrer heißt El Niño

Bei einem Pressebriefing im Mai brachte es die Klimaforscherin Frederike Otto von World Weather Attribution auf den Punkt: Der menschengemachte Klimawandel werde in diesem Jahr wahrscheinlich einen größeren Einfluss auf Extremwetter haben als El Niño selbst. Gestützt ist dieser Satz auf mehr als hundert Attributionsstudien, die gezielt für den Einfluss des Pazifik-Phänomens kontrolliert haben. Wie klein El Niños Anteil an einem einzelnen Ereignis ausfallen kann, zeigt eine frühere Untersuchung zu den Philippinen, wo er eine Hitzewelle nur um etwa 0,2 Grad zusätzlich erhitzte, ein regionales Einzelbeispiel, keine globale Bilanz. Bei anderen Kennzahlen kann sein Gewicht deutlich größer sein: Carbon Brief rechnet vor, dass rund 84 Prozent des Anstiegs der Rekordwahrscheinlichkeit für 2026 seit März nicht auf zusätzliche langfristige Erwärmung zurückgehen, sondern auf immer stärkere El-Niño-Prognosen. El Niño verstärkt also Temperaturen und Einzelereignisse spürbar, sein Anteil lässt sich aber nicht mit einer einzigen Zahl beantworten, er hängt von Region, Jahreszeit und der jeweils betrachteten Kennzahl ab.

Kein Randthema, sondern Konsens

Diese Befunde sind keine Einzelmeinungen. Der Weltklimarat IPCC formuliert seine Kernaussage zu Hitzeextremen in der höchsten Vertrauenskategorie, die sein Vokabular kennt: Es gilt als so gut wie sicher, dass Hitzeextreme seit den 1950er-Jahren häufiger und intensiver geworden sind, mit hoher Konfidenz, dass der Mensch dafür der Haupttreiber ist. Manche der jüngsten Hitzeextreme wären demnach ohne menschlichen Einfluss auf das Klimasystem extrem unwahrscheinlich gewesen. Erarbeitet wird ein solcher Bericht von internationalen Autorenteams aus von Regierungen und Fachorganisationen nominierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die Zusammenfassung für Entscheidungsträger wird anschließend Zeile für Zeile von den Regierungsdelegationen aller Mitgliedsstaaten abgesegnet. Das ist ein verhandelter, international geprüfter Sachstand, ziemlich das Gegenteil einer steilen These aus dem stillen Kämmerlein.

Debatte ja, aber über Details

Debattiert wird in der Klimaforschung nicht die Grundfrage, sondern die Feinjustierung: wie präzise sich einzelne Regionen oder Ereignistypen quantifizieren lassen, welche Methode im Einzelfall die validere ist, wie groß die Unsicherheitsspannen bei einzelnen Attributionszahlen ausfallen. Das sind normale wissenschaftliche Auseinandersetzungen innerhalb eines Feldes, das sich in der Kernaussage einig ist. Die Frage ist also längst nicht mehr, ob der Mensch hinter der Hitze steckt, sondern wie genau sich das inzwischen beziffern lässt, ein Luxusproblem, das die Wissenschaft sich in dreißig Jahren harter Arbeit verdient hat.