Meinungsbildung: Im Grundgesetz steht nicht nur, dass jeder seine Meinung sagen darf. Es steht auch, dass jeder das Recht hat, sich frei zu informieren. Das sind zwei verschiedene Dinge. Über das erste reden alle, über das zweite kaum jemand. Dabei ist die entscheidende Frage: Wie kommt eine Meinung überhaupt zustande? Habe ich selbst nachgedacht – oder hat mich jemand gezielt beeinflusst, ohne dass ich es merke?
Genau das, sagt Lange, läuft seit Jahren schief. Das Rezept ist einfach: die Öffentlichkeit mit so viel Lärm und Müll überschwemmen, bis niemand mehr Wahres von Falschem trennen kann. Und wenn die Grundlage einmal vergiftet ist, ist auch jede Entscheidung vergiftet, die darauf folgt.
Wir haben ein Problem: Ein Faktencheck allein reicht nicht. Man kann mit der Wahrheit lügen. Deshalb bewertet das Projekt jede Aussage nach drei Dingen: nach den Fakten, nach dem Umgang mit Vertrauen und nach dem Gefühl, das sie auslöst.
Daraus entsteht der Democracy Score, eine Note von A bis E – aufgemacht wie der Nutri-Score auf Lebensmitteln. A ist „demokratischer Brokkoli”: davon kannst du so viel aufnehmen, wie du willst. E ist „die Eiscreme der Demokratie”: nicht verboten, aber wer sich nur davon ernährt, wird geistig träge.
Wie das gemeint ist, zeigen einfache Beispiele:
Ein Politiker sagt im Fernsehen, zehn Prozent der Steuerzahler bringen mehr als die Hälfte der Steuern auf. Das stimmt – nur verschweigt er, dass dieselben zehn Prozent auch rund vierzig Prozent des Einkommens kassieren. Statt das Argument anzugreifen, greift man eine Person an – etwa, indem man sich über ihren früheren Beruf lustig macht.
Gefühle bleiben in der Rede wichtig. Es kommt nur darauf an, ob es Menschen zusammenbringt oder sie spaltet.
Das System beobachtet die 200 wichtigsten Politiker und sammelt täglich bis zu 1500 ihrer Aussagen. Jede wird von vier verschiedenen Künstlichen Intelligenzen geprüft. Sind sich alle vier einig, gilt das Urteil. Sind sie es nicht, schauen Menschen noch einmal darauf. So entsteht eine verlässliche Bewertung. Bis zu sechzig Tricks der Beeinflussung hat das Team gesammelt – und zeigt zu jeder Aussage auch, wie man dasselbe fair hätte sagen können. Es ist kein Produkt zum Verkaufen, sondern eine gemeinnützige Grundlage für Medien, Vereine und Schulen.
Einen Faktencheck live in einer Talkshow hält Lange für fast unmöglich. Eine falsche Zahl ist schnell korrigiert, eine geschickte Halbwahrheit nicht. Sein Vorschlag: Redaktionen sollen vorher wissen, nach welchem Muster ein Politiker antwortet, und gezielter nachfragen. Die Behauptung: Zu 95 Prozent lässt sich vorhersagen, wie jemand reagiert.
Ein Beispiel: Ein Minister erklärt das Zurückweisen von Flüchtlingen an der Grenze für erlaubt und beruft sich auf einen deutschen Paragrafen – obwohl europäisches Recht, das stärker gilt, genau das verbietet. Im Interview kam dieser Einwand nicht. Mit Vorbereitung wäre er gekommen.
Das Ergebnis der Auswertung ist ernüchternd. Je weiter rechts außen, desto schlechter fallen die Noten aus. Am meisten getrickst wird beim Thema Migration. Und in der Art zu reden stehen manche Politiker der Mitte gar nicht so weit von denen am äußersten Rand entfernt.
Am Ende steht der Gedanke, der alles verbindet: Spaltung und Empörung sind genau das, was die sozialen Netzwerke belohnen, weil sie für Aufmerksamkeit sorgen. Damit fördern die Plattformen ganz von selbst das, was der Demokratie schadet – und das lässt sich jetzt zum ersten Mal messen. Langes Wunsch klingt nüchtern und zugleich hoffnungsvoll: eine Art öffentliches Konto für Glaubwürdigkeit, in dem jeder nachschlagen kann, wer wann was gesagt hat. Denn in einer Demokratie ist Reden bereits Handeln.
