Sechs kluge Köpfe

… und ein Thema, das gerade jeden umtreibt: Was macht künstliche Intelligenz eigentlich mit uns – moralisch, politisch, ganz praktisch im Büroalltag? Ein kurzer Überblick über drei Stunden Phil. Cologne. Herausgekommen sind 24 Thesen, luftig zugespitzt: mal hoffnungsvoll, mal alarmiert, immer mit einer Frage im Gepäck. Zum Weiterlesen, Weiterstreiten

Quelle/Video: Phil. Cologne.

Der Ethik-Offenbarungseid

Warum sind ausgerechnet wir Menschen so miserabel im Beurteilen von Gut und Böse?

Der Bonner Philosoph Markus Gabriel hat darauf eine unbequeme Antwort: Wir urteilen fast immer nur aus unserem nächsten Umfeld heraus, aus Familie, Nachbarschaft, der eigenen Stadt, und sind bei großen Fragen wie dem Nahostkonflikt hoffnungslos überfordert.

Neu sei nun, dass KI-Systeme durch Mustererkennung erstmals menschliches Verhalten in einem Umfang analysieren können, der so etwas wie eine empirische Ethik überhaupt erst möglich macht. Aus diesen Daten ließe sich ableiten, was Menschen faktisch als gut empfinden – und daraus ein System bauen, das uns im Alltag sanft zu besserem Handeln anstupst.

Der Kaffeeautomat, der mitdenkt

Wie könnte eine Maschine aussehen, die uns tatsächlich moralisch besser macht?

Gabriel malt sich das ziemlich konkret aus: kein Warnsignal, das einen nur wachrüttelt, sondern ein Assistenzsystem, das einen ins Gespräch verwickelt und daran erinnert, doch endlich die Schwester anzurufen.

Solche „ethischen Intelligenzen”, findet der Philosoph, sollte man für alle Lebensbereiche bauen – als echten europäischen Beitrag zur KI, jenseits der Sonntagsreden über „europäische Werte”. Sein Fazit ist fast schon unternehmerisch: Wer so etwas baut, gewinnt das KI-Wettrüsten nicht mit Härte, sondern mit Frieden.

Ethik als Verkaufsargument

Was steckt eigentlich hinter den fünfzig Seiten Wertekodex, mit denen Anthropic seinen Chatbot Claude schmückt?

Nach dem Urteil des Philosophen vor allem eines: Marketing, keine belastbare Philosophie.

Als Beleg erzählt er, wie das Unternehmen sein Sprachmodell zeitweise zurückhielt, weil es zu gut Sicherheitslücken fand, sich aber gleichzeitig weigerte, dem Weißen Haus vollen Zugriff für Überwachungszwecke zu geben – bis der politische Druck nach wenigen Stunden wirkte. Gabriels Fazit fällt entsprechend nüchtern aus: Nach vorne wird Ethik verkündet, im Hintergrund laufen ganz andere Spiele.

Der Krieg ist längst verloren

Gibt es überhaupt noch etwas, das Menschen nachweislich besser können als eine KI?

Gabriels Antwort ist provokant knapp: nein, jedenfalls nicht im Durchschnitt.

Als Beispiel schildert er, wie er mit KI-Unterstützung feinsinnige japanische Neujahrsgrüße formulierte – eine Kunst, bei der Tonfall und Zeitpunkt über Respekt oder Brüskierung entscheiden – und dabei bessere Ergebnisse erzielte als je zuvor allein.

Der Turing-Test liege längst hinter uns, sagt er, ebenso die gefürchtete Singularität, weshalb die eigentliche Frage nicht laute, was vom Menschen noch zu retten sei, sondern wie wir lernen, mit KI-Systemen zusammenzuarbeiten.