Sechs kluge Köpfe

Schreiben, um zu wissen, was man denkt

Was geht eigentlich verloren, wenn wir das Formulieren selbst an die Maschine abgeben?

Nichts Geringeres als einen Teil unseres Denkens selbst, meint Anderl mit Verweis auf Virginia Woolf, die einst notierte, sie schreibe, um herauszufinden, was sie denke.

Auch der Philosoph Ernst Cassirer beschrieb den Menschen als jenes Wesen, das ständig die Bedingungen seiner eigenen Existenz prüft – eine Prüfung, die im bequemen Chatbot-Dialog leicht verkümmert. Wer sich das bewahren wolle, müsse bereit sein, sich immer wieder unbequemen, langsamen Denkprozessen auszusetzen, statt sie vorschnell auszulagern.

Der Hammer, den keiner benutzt

Führt neue Technologie im Unternehmen automatisch zu neuem Verhalten?

Keineswegs, hat die Organisationspsychologin Fabiola Gerpott in ihrer Forschung festgestellt. In einfachen, physischen Jobs war die Akzeptanz neuer KI-Dashboards überraschend hoch, weil sie Vorarbeitern die Willkür bei der Schichteinteilung nehmen – ein objektiveres System schlägt eine launische Führungskraft. In der Wissensarbeit dagegen, so ihre Beobachtung, greifen viele Beschäftigte lieber weiter zum vertrauten Werkzeug, selbst wenn der neue Hammer längst bereitliegt.

Workslop

Spart uns KI im Büroalltag eigentlich wirklich Zeit?

Häufig genau das Gegenteil, hat Gerpott beobachtet. Eine höfliche Drei-Zeilen-Bitte wird zur KI-aufgeblähten Fünf-Absatz-E-Mail voller Substanzlosigkeit – ein Phänomen, das sie mit dem inzwischen gängigen Begriff „Workslop” belegt. Der Empfänger beantwortet die aufgeblähte Nachricht wiederum per eigenem Chatbot, sodass am Ende beide Seiten mehr Nacharbeit haben als zuvor.

Einsamer mit jedem Prompt

Was macht es mit uns, wenn wir öfter mit dem Chatbot reden als mit Kolleginnen?

Nichts Gutes, warnt die Psychologin. Studien zeigten, dass wer häufiger mit Chatbots kommuniziert, andere Menschen tendenziell mehr als Objekte behandelt und im Alltag spürbar unsozialer wird – ein Trend, der sich seit dem Homeoffice-Boom ohnehin schon verstärkt. Ein Datensatz von rund 2000 Bewerbungsessays illustriert das Paradox im Kleinen: Der Durchschnitt der Texte wird etwas besser, doch die Vielfalt der Antworten sinkt spürbar.

Nicht nur eine Frage des guten Willens

Reicht es, wenn der Einzelne einfach „kritischer” mit KI umgeht?

Nein, findet Gerpott, und warnt vor einer allzu bequemen Verschiebung der Verantwortung. Das erinnere sie an die Mode der Achtsamkeitstrainings, mit denen man Beschäftigten ein zu hohes Arbeitspensum „erträglicher” mache, statt das Pensum selbst zu senken. Genauso müssten Bildungseinrichtungen und Unternehmen KI-Nutzung aktiv in Lehre und Arbeitsalltag einbauen, statt Einzelnen nur zu predigen, sie sollten den Chatbot meiden.