Wenn die Stadt wieder atmen kann

Insgesamt zeigen zahlreiche wissenschaftliche Studien und Praxisbeispiele aus deutschen Mittel- und Großstädten, dass Verkehrsberuhigungsmaßnahmen in der Regel nicht zu Umsatzrückgängen im Einzelhandel führen – im Gegenteil.

1. Ergebnisse der Difu-Analyse (März 2025)

Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) wertete empirische Studien in deutschen Städten aus. Die Autorinnen und Autoren fanden keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Verkehrsberuhigung und einer ökonomischen Schlechterstellung lokaler Einzelhandelsbetriebe.
Stattdessen führten attraktiv gestaltete, fußgänger- und fahrradfreundliche Bereiche zu höherer Kundenfrequenz, was oftmals zu stabilisierten oder steigenden Umsätzen führte – insbesondere wegen längerer Aufenthaltszeiten und höherer Passantenzahlen.
Obwohl Fuß- und Radverkehr pro Besuch geringere Ausgaben verursacht, werden diese durch häufigere Besuche kompensiert – was in der Summe zu mehr Umsatz führt.

2. Umsatzsteigerungen: Metastudien und Fallbeispiele

Eine Metaanalyse mit über 20 Fallbeispielen aus Deutschland und Großbritannien zeigte: Umsätze stiegen typischerweise um 10 bis 25 Prozent, vereinzelt sogar bis zu 100 Prozent nach Umgestaltung städtischer Räume zugunsten des Umweltverbundes.
In Städten wie Mannheim (Lange Rötterstraße) verbesserte die Umgestaltung hin zu Tempo-20-Zonen, mehr Grünflächen und Aufenthaltsqualität die Attraktivität deutlich – der lokale Handel profitierte spürbar.

3. Wahrnehmung versus Realität: Mythen im Handel

Laut einer Studie des IASS (Berlin) kamen nur rund 6 Prozent der Kauflustigen mit dem Auto – 91 Prozent des Umsatzes stammte von Fuß-, Bahn- oder Radnutzenden.
Der Handelsanteil von Kunden mit Auto liegt oftmals nur bei 10 Prozent oder weniger, entgegen der verbreiteten Annahme, das Auto sei der Hauptumsatzbringer.

4. Fakten: Verkehrseffekt und Stadtleben

Das Konzept der „Verkehrsverdunstung“ beschreibt, wie Parkraum-Reduktion und Straßensperrungen zu dauerhaften Rückgängen im Kfz-Aufkommen führen – in Quartieren teilweise bis zu 52 Prozent weniger Verkehr, was kurzfristigen Umschichtungen deutlich entgegenwirkt.

5. Zentrale Erfolgsfaktoren für positive Umsatzwirkungen

Verbesserte Aufenthaltsqualität: Mehr Grün, Sitzbereiche und die Reduktion von Autoverkehr steigern die Verweildauer und Passantenfrequenz.

Mobilitätswende und Erreichbarkeit: Gut unterstützter ÖPNV sowie Rad- und Fußwege sichern den Kundenzugang auch ohne Auto.

Parkraumnutzung optimieren: Kurzzeitparkplätze für Kundinnen und Kunden statt Dauerparken – Parkraumbewirtschaftung sorgt für eine verlässliche Zugänglichkeit.

Inklusive Beteiligung: Frühzeitige Einbindung von Händlerinnen und Händlern verhindert Widerstand und fördert Akzeptanz.

Übersicht: Wirkung in deutschen Städten

MaßnahmeWirkung auf Umsatz und Frequenz
Verkehrsberuhigte EinkaufsstraßenUmsatzsteigerung: 10–25 Prozent, Einzelfälle bis 100 Prozent
Fuß- und Radwege statt ParkraumHöhere Passantenfrequenz, mehr Kundschaft
Fußgängerzonen oder Shared SpaceLängerer Aufenthalt, höhere Umsätze
Parkplatzbereinigung und ParkraumbewirtschaftungBessere Erreichbarkeit, keine Kundenscheidung

Fazit: Was wissenschaftlich belegt ist

Umsatzrückgänge durch Verkehrsberuhigung sind nachweislich nicht belegt – Befürchtungen sind überwiegend Mythen.
Wohlgestaltete, autoarme Räume steigern Aufenthaltsqualität und Kundenfrequenz, was häufig Umsatzsteigerungen bewirkt.
Der Anteil der Autokäufer ist gering – der Großteil der Umsätze generiert sich durch Fußgängerinnen und Fußgänger, Radfahrerinnen und Radfahrer sowie ÖPNV-Nutzende.
Es lohnt sich, Verkehrsberuhigung kombiniert mit Parkraummanagement, ÖPNV-Stärkung und Bürgerbeteiligung umzusetzen.