Wird es kälter, weil es wärmer wird?

2012 veröffentlichten die Klimaforscherinnen Jennifer Francis und Stephen Vavrus eine Hypothese, die schnell Karriere machte: Wenn sich die Arktis stärker erwärmt als der Rest, schrumpft der Temperaturunterschied zwischen Nord und Süd. Der Jetstream wird schwächer, beginnt zu mäandrieren, in großen Wellen nach Norden und Süden auszuschlagen. In den Tälern dieser Wellen kann arktische Kaltluft weit nach Süden vordringen – und dort tagelang feststecken. Das Ergebnis: schneidende Kälte mitten in der Klimaerwärmung.

Die Idee war elegant, einleuchtend – und wurde in zahllosen Artikeln und Dokumentationen als nahezu gesichertes Wissen präsentiert. Doch die Wissenschaft hat sich in den vergangenen Jahren erheblich weiterentwickelt, und das Bild ist deutlich nuancierter geworden.

Ende 2025 veröffentlichte das internationale Forschungsverbundprojekt PAMIP seine zusammenfassenden Ergebnisse in Nature. Über ein Dutzend Klimamodelle, jeweils hundertfach durchgerechnet, zeigen ein überraschendes Resultat: Der Verlust von arktischem Meereis führt in den Modellen übereinstimmend zu weniger und milderen Kälteextremen in den mittleren Breiten, nicht zu mehr. James Screen von der University of Exeter, einer der Projektleiter, formulierte es nüchtern: Der Einfluss des Meereisverlusts auf das Winterwetter in mittleren Breiten sei „vernachlässigbar“.

Noch deutlicher wurde eine 2024 in Science Advances publizierte Studie von Russell Blackport und Kollegen: Seit 1990 sind Kälteextreme auf der Nordhalbkugel sowohl seltener als auch schwächer geworden – in den Beobachtungsdaten genauso wie in den Modellen. Die kältesten Wintertage erwärmen sich sogar schneller als der Durchschnitt, um etwa 0,42 Grad pro Jahrzehnt. Was zunächst paradox klingt, ergibt physikalisch Sinn: Wenn die Kaltluft an ihrem Ursprungsort wärmer wird, sind auch die Kälteausbrüche, die nach Süden vordringen, weniger bitterkalt als früher.

Der vergessene Spieler: der Polarwirbel: