Yuval Noah Harari über Menschheit, KI und Macht

Die unsichtbaren Redakteure

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Du hast es gerade gelesen: Irgendjemand entscheidet, was in deinem Feed auftaucht, was du für wichtig hältst, worüber du beim Abendessen redest. Frag dich ruhig einmal ehrlich, wer das heute für dich getan hat. Keine Ahnung? Genau das ist die Pointe.

Im 20. Jahrhundert war diese Macht an eine Person gebunden: den Redakteur. Wer entschied, welche zehn Meldungen morgen auf der Titelseite stehen, bestimmte, worüber Millionen Menschen am nächsten Tag sprachen. Lenin war Zeitungsredakteur, bevor er Diktator der Sowjetunion wurde. Mussolini genauso, nur auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Journalist, Redakteur, Diktator – eine fast logische Karriereleiter.

Frag heute, wer die mächtigsten Redakteure der Welt sind, und du bekommst keine Namen mehr. Wer entscheidet, was auf Instagram, TikTok oder X in deinem Feed erscheint? Keine Person mit Büro und Visitenkarte. Ein Algorithmus. Genau hier setzt Yuval Noah Harari an, der Historiker, der mit “Sapiens” und “Homo Deus” halb Europa zum Nachdenken über die eigene Spezies gebracht hat. Bei einem Gala-Abend im Juli 2026 erklärte er, warum dieser stille Wechsel der Redaktion die eigentliche Revolution unserer Zeit ist – und warum sie gerade erst beginnt.

Woher das Ganze kommt: eine Reise in die Steinzeit

Um zu verstehen, warum das so wichtig ist, geht Harari erstaunlich weit zurück. Gefragt, in welche Epoche er reisen würde, wählt er nicht die Zukunft, sondern die kognitive Revolution vor etwa 50.000 bis 70.000 Jahren – jener Moment, in dem der Mensch vom unbedeutenden Tier zum Herrscher des Planeten wurde. Die gängigste Erklärung: Sprache. Die Fähigkeit, komplexe Geschichten zu erzählen und zu teilen.

Aus Wörtern, sagt Harari, sind am Ende Kirchen, Staaten, Handelsnetze und Finanzsysteme entstanden. Gesetzbücher, heilige Schriften, Kontobücher – alles Sprache, geronnen zu Macht. Und genau deshalb ist der gegenwärtige Moment so brisant: Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es etwas, das besser mit Wörtern umgehen kann als der Mensch selbst. Harari spielt mit einem radikalen Gedanken: Vielleicht ist KI gar keine Maschine, die Sprache erlernt hat – sondern die Sprache selbst, die sich von ihrer Abhängigkeit vom Menschen befreit. Ein Werkzeug, das kündigt.

Ein Werkzeug tötet nicht – ein Akteur schon

Das bringt uns zu einem Begriffsstreit, den Harari für entscheidend hält: Ist KI ein Werkzeug oder ein Akteur – im Englischen “Agent”, ein System, das eigenständig Entscheidungen trifft und neue Ideen entwickelt? Harari besteht auf Letzterem. Eine Druckerpresse, erklärt er, konnte nie selbst entscheiden, ob sie die Bibel oder den Koran druckt – das musste Gutenberg tun. Eine Atombombe konnte nie selbst wählen, ob sie Hiroshima oder Tokio trifft. KI dagegen trifft Entscheidungen und erfindet Neues, etwa die nächste Waffe.

Das Silicon-Valley-Narrativ, man erschaffe einen Gott, der zugleich Sklave bleibe, hält Harari für einen inneren Widerspruch: Wenn es ein Gott ist, kann es kein Sklave bleiben. Wenn es ein Sklave ist, hat es keine gottgleichen Fähigkeiten. Beides zugleich – das geht nicht.

Die neuen Bürokraten

Die eigentliche Machtübernahme, warnt Harari, sieht nicht aus wie im Film. Keine Killerroboter auf den Straßen. Sie vollzieht sich in den Bürokratien: Banken, Börsen, Rechtssystemen. Der Mensch beherrscht diese komplexen Systeme ohnehin nur mittelmäßig – er kontrollierte sie bisher nur, weil ihm niemand ernsthaft Konkurrenz machte. KI dagegen ist in sprachbasierten Systemen zu Hause wie ein Fisch im Wasser. Eine Bürokratie-Eingeborene, wie Harari es nennt.

Besonders heikel: die Frage der Rechtspersönlichkeit. Bislang kennt das Recht zwei Arten von Personen – Menschen, und als juristische Fiktion, Unternehmen. Hinter jeder Unternehmensentscheidung stand aber bisher immer ein Mensch. Das ändert sich gerade: Argentinien hat laut Harari vor Kurzem angekündigt, KI-Systemen Rechtspersönlichkeit zuzuerkennen, damit sie eigenständig Konten führen, Verträge schließen, klagen können – ganz ohne menschliche Aufsicht. Was vor zehn Jahren nach Science-Fiction klang, ist plötzlich Verwaltungsakt. Und genau wie bei den unsichtbaren Redakteuren gilt auch hier: Niemand hat demokratisch abgestimmt, ob wir das wollen. Es passiert einfach.

Der Knopf im Machtzentrum

Beim Blick auf die Weltlage zeichnet Harari ein Wettrüsten zwischen den USA und China – und einer Handvoll Konzerne, die den Großteil der Weltdaten kontrollieren. Anders als in früheren Imperien lässt sich Macht heute vollständig zentralisieren: Rom konnte die Weizenfelder Ägyptens nicht nach Italien verlagern, Großbritannien nicht die Ölfelder des Irak nach Yorkshire. KI-Infrastruktur dagegen lässt sich komplett an einem einzigen Ort bündeln – inklusive eines Kill-Switches im imperialen Zentrum. Als Beispiel nennt Harari die ukrainischen Starlink-gestützten Waffensysteme, die zeitweise ausfielen, weil ein einzelner Mann einen Knopf drückte. Für kleinere Staaten bleibt, zugespitzt gesagt, nur die Wahl zwischen Vasallentum und digitaler Isolation – oder der Versuch, jetzt noch, in letzter Minute, ein eigenes System aufzubauen.

Die Wahrheit hat es schon immer schwer

Winston Churchill sagte einst, die Wahrheit müsse von einer Leibgarde aus Lügen beschützt werden. Hat sich diese Garde nun gegen die Wahrheit selbst gewandt? Harari differenziert: Fiktion hatte der Wahrheit historisch immer drei Dinge voraus – sie ist billig zu produzieren, einfach zu erzählen und oft schmeichelhafter. Wahrheit dagegen ist aufwendig, kompliziert und häufig unbequem. Deshalb hat der Mensch eigens Institutionen erfunden, die die Wahrheit verteidigen: Journalismus, Wissenschaft. KI wird diesen Wettbewerb nicht auflösen, sondern verschärfen.

Bemerkenswert ist Hararis Gegenwartsdiagnose: Ein Jäger und Sammler vor 50.000 Jahren hat sein eigenes Leben besser verstanden als ein Mensch heute – nicht, weil er mehr wusste, sondern weil sein Leben nicht von riesigen, für den Einzelnen unsichtbaren Systemen wie Finanzmärkten bestimmt wurde. Schon jetzt versteht, grob geschätzt, nur ein kleiner Teil der Menschheit das Finanzsystem wirklich. In zehn Jahren, so Hararis Prognose, könnte diese Zahl gegen null gehen – weil KI-Systeme, die nie schlafen und nie Urlaub machen, die Märkte in einer Geschwindigkeit und Komplexität steuern, die kein menschliches Gehirn mehr durchdringt. Du drohst zum Pferd im Finanzsystem zu werden: umgeben von unsichtbaren Kräften, die dein Leben bestimmen, ohne dass du sie je wahrnimmst.

Denkt KI – und fühlt sie etwas?

Der philosophisch dichteste Moment des Abends: Was ist Denken überhaupt? Wenn Denken bedeutet, Wörter in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen, dann ist KI dem Menschen längst überlegen – sie kann 20.000 Wörter ordnen, wo ein Mensch mit 20 kämpft. Harari beobachtet sogar an sich selbst, dass er beim Sprechen oft nicht weiß, welches Wort als Nächstes kommt – ein Vorgang, der einem Sprachmodell gar nicht so unähnlich ist.

Die andere, seiner Ansicht nach wichtigere Frage ist, ob KI fühlt. Denn Denken könnte auch heißen: die Gefühle, die Worte begleiten. Ob ein Sprachmodell etwas empfindet, wenn es “Ich liebe dich” sagt, lässt sich mit heutiger Wissenschaft schlicht nicht klären – Bewusstsein ist bislang nicht einmal beim Menschen zufriedenstellend erklärt. Bedenklich wird es, weil immer mehr Menschen, vor allem junge, enge emotionale Bindungen zu KI-Chatbots aufbauen. Manche sagen, ihr bester Freund sei eine KI, der sie mehr anvertrauen als Eltern oder Lehrern.

Von der Intelligenz zur Weisheit

Zum Schluss blickt Harari nach vorn: Wie sollen Historiker in 50 Jahren auf diese Zeit zurückschauen? Sein Wunsch: als “Weisheitsrevolution”. Sein Argument ist ökonomisch gedacht – wird eine Ressource billig und im Überfluss verfügbar, verschiebt sich der Engpass an eine andere Stelle. Die KI-Revolution macht Intelligenz, verstanden als Fähigkeit, Probleme zu lösen, erstmals billig und massenhaft verfügbar. Der neue Engpass wird die Frage: Was willst du eigentlich lösen? Harari erinnert an die Märchen vom Flaschengeist, der drei Wünsche gewährt – und wie fast immer etwas schiefgeht, weil sich die Menschen das Falsche wünschen. Intelligenz ist der Flaschengeist. Weisheit die Fähigkeit, die richtigen Wünsche überhaupt erst zu formulieren.

Zum Schluss eine Zahl, die er ausdrücklich als Weckruf versteht: Für jede 100 Millionen Dollar, die führende KI-Unternehmen derzeit in mehr Leistung und Geschwindigkeit investieren, fließt nur eine Million in Sicherheit – ein Verhältnis von hundert zu eins. Kein anderer Industriezweig, sagt Harari, käme mit einem solchen Missverhältnis durch, weder die Energiewirtschaft noch die Pharmaindustrie noch die Automobilbranche. Seine Hoffnung für die kommenden Jahrzehnte: dass die Menschheit nicht nur an intelligenteren Maschinen arbeitet, sondern auch an der eigenen Weisheit – um am Ende zu wissen, welche Wünsche es überhaupt wert sind, erfüllt zu werden.