Thomas Schmenger

Thomas Schmenger lebt als Künstler und Designer in Landau/ Pfalz. Mit einem multimedialen Konzept untersucht er die Spielräume von Design, Philosophie, Kunst und Wissenschaft.

Ein Streit, der nirgendwo mehr stattfindet

Irgendwo zwischen einer Bewerbung, die abgelehnt wird, und einer Schulnote, die plötzlich anders ausfällt, trifft heute immer öfter kein Mensch mehr die Entscheidung, sondern ein System, das aus Millionen Beispielen gelernt hat. Das wäre halb so wild, wenn man diesem System noch widersprechen könnte wie früher einem Sachbearbeiter am Schreibtisch. Kann man aber meistens nicht. Die folgenden sieben Punkte erzählen, wie aus nachvollziehbaren Entscheidungen leise verschwindende Entscheidungen werden, warum das mehr ist als ein technisches Detail, und was es bräuchte, damit Menschen einer Maschine wieder widersprechen können, ohne sich dabei wie Don Quijote gegen eine Windmühle zu fühlen. Es geht, kurz gesagt, um die Frage, wie viel Mitsprache in einer Welt übrig bleibt, in der Entscheidungen zunehmend in Code statt in Gesprächen stattfinden. Entscheidungen verschwinden nicht, sie verstecken sich Wer entscheidet eigentlich, was ein Algorithmus für wichtig hält, und warum erfahren wir das so selten? Du denkst vielleicht, eine KI rechnet einfach nur. Tut sie nicht. Jedes Mal, wenn ein System festlegt, was als “Erfolg” zählt oder welche Daten überhaupt wichtig sind, trifft es eine Wertentscheidung, nur klingt das leider nach Mathematik statt nach Meinung. Und genau das ist der Trick: Eine Entscheidung, die eigentlich diskutabel wäre, wird als technische Notwendigkeit verkleidet. Genau hier beginnt eine der drängendsten Fragen der aktuellen KI-Debatte, von Brüssel bis ins Silicon Valley. Ein Konflikt wird eingefroren, nicht gelöst Was passiert eigentlich mit einem gesellschaftlichen Streit, wenn ihn niemand mehr führt, weil eine Maschine ihn längst “gelöst” hat? Ein eingefrorener Konflikt ist wie Tiefkühlkost, die im Fach liegt und darauf […]

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Menschengemachter Klimawandel

Der Konsens, der wächst – und doch derselbe bleibt Wie sicher ist sich die Wissenschaft eigentlich, wenn sie von der Klimakrise spricht? Wer diese Frage stellt, landet unweigerlich bei einer Zahl, die seit zwei Jahrzehnten durch Talkshows, Leitartikel und Konferenzsäle geistert: 97 Prozent. Doch diese Zahl hat eine Geschichte – und die beginnt nicht mit einem runden Prozentsatz, sondern mit einer Historikerin, die sich durch fast tausend Fachtexte arbeitete. 2004 – Naomi Oreskes, Science. Die amerikanische Wissenschaftshistorikerin durchforstete 928 sogenannte Abstracts, also die Kurzfassungen wissenschaftlicher Studien, die zum Suchbegriff Klimawandel erschienen waren. Ihr Befund: Keine einzige Arbeit widersprach der These, dass der Mensch die Erwärmung verursacht. Kein Konsens in Prozent also, sondern schlicht die Abwesenheit einer ernstzunehmenden Gegenstimme in der Fachliteratur. 2010 – Anderegg und Kollegen, PNAS. Sechs Jahre später fragte ein Team um den Ökologen William Anderegg nicht mehr, was in den Texten steht, sondern wer sie schreibt. Unter den aktiv publizierenden Klimaforschern, so das Ergebnis, stützten 97 bis 98 Prozent die zentrale Aussage zum menschengemachten Wandel. Die Perspektive hatte sich verschoben – von der Analyse der Texte zur Haltung der Forschenden. 2013 – John Cook und Team, Environmental Research Letters. Der australische Klimakommunikator John Cook griff das Prinzip von Oreskes wieder auf, skalierte es aber gewaltig: Fast 12.000 Abstracts wurden ausgewertet. Unter jenen Arbeiten, die überhaupt eine klare Position bezogen, sprachen sich 97,1 Prozent für die menschliche Verursachung aus. Diese Studie wurde zur meistzitierten Referenz der Klimadebatte – und zugleich zur meistangegriffenen. 2016 – Cook und Kollegen, dieselbe Zeitschrift. Statt einer neuen Erhebung

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Der zwei Prozent Anteil

Ein Zwei-Prozent-Anteil, der so klein wirkt, dass er beinahe zum Verschwinden einlädt – und doch steckt darin eine der größten Fehlschlüsse der Klimadebatte. Schauen wir genauer hin. Die Zahl stimmt – die Schlussfolgerung nicht Deutschland war 2024 für rund 579,9 Millionen Tonnen CO2-Emissionen verantwortlich, ein Anteil von 1,46 Prozent an den weltweiten Emissionen. So weit, so unstrittig. Doch aus einer kleinen Zahl folgt nicht automatisch eine kleine Verantwortung – das ist der Denkfehler, dem das Argument seine scheinbare Überzeugungskraft verdankt. Erstens: Die Momentaufnahme trügt. Betrachtet man den Treibhausgas-Ausstoß über einen langen Zeitraum, etwa von 1850 bis 2002, ändert sich das Bild deutlich – die USA kommen dann auf 29,3 Prozent, China auf 7,6 Prozent und Deutschland auf 7,3 Prozent aller Emissionen in diesem Zeitraum. Der Grund: Da die Treibhaus-Wirkung von Kohlendioxid in der Atmosphäre teilweise Hunderte von Jahren anhält, zählen für den Beitrag eines Landes zum gegenwärtigen Klimawandel eigentlich die aufaddierten Emissionen über lange Zeiträume – nicht nur die momentanen. Vereinfacht gesagt: CO2, das ein Kraftwerk 1960 ausgestoßen hat, wärmt die Atmosphäre heute noch mit. Zweitens: Das Argument funktioniert für jeden – und damit für niemanden. Wenn “unser Anteil ist zu klein, um etwas zu bewirken” als Ausrede gilt, dann gilt sie für praktisch jedes Land der Erde. Selbst die beiden größten Verursacherstaaten, China und die USA, sind zusammengenommen für weniger als die Hälfte der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich – mehr als fünfzig Prozent stammen von anderen Ländern. Würde also jedes Land mit einem Anteil unter fünfzig Prozent die Hände in den Schoß legen, passierte –

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HITZE, MENSCH UND EIN BEIFAHRER NAMENS EL NIÑO Vortragsskript, ca. 7 Minuten

HITZE, MENSCH UND EIN BEIFAHRER NAMENS EL NIÑO Vortragsskript, ca. 7 Minuten [Einstieg] Wer ist schuld am Hitzesommer? Frag zehn Leute, neun sagen: El Niño. Klingt gut, klingt nach Wissenschaft, klingt nach Ausrede. Und ist trotzdem falsch, oder besser: falsch gewichtet. Ich sag’s gleich am Anfang, damit ihr den Satz mitnehmt, auch wenn ihr gleich einschlaft: Am Steuer der Hitze sitzt seit Jahrzehnten der Mensch. El Niño hat sich diesen Sommer auf den Beifahrersitz gesetzt und ab und zu am Lenkrad gerüttelt. Mehr nicht. Merkt euch den Beifahrer. Der kommt wieder. [El Niño, ultrakurz] Kurz, ganz kurz, was El Niño überhaupt ist, für alle, die bei dem Wort bisher nur genickt haben, ohne es zu verstehen. Ich auch, lange Zeit. Am Äquator, im Pazifik, blasen normalerweise Winde warmes Wasser nach Westen, Richtung Asien. Lassen die Winde nach, bleibt die Wärme im Osten liegen, also vor der Küste Südamerikas, ungefähr auf Höhe von Peru und Ecuador, und heizt die Luft darüber auf. Das ist alles. Kein Mysterium, keine Verschwörung, nur Wind, der eine Pause macht. Und dieser Pausen-Effekt taucht unregelmäßig auf, alle zwei bis sieben Jahre, im Schnitt etwa alle vier. Gerade erleben wir einen besonders kräftigen, superstark nennen die Fachleute ihn, weil der Messwert schon jetzt über der Schwelle liegt, ab der man offiziell “sehr stark” sagen darf. Höhepunkt: irgendwann zwischen November und Januar. Dann klingt er ab, wie immer, bis zum nächsten Frühjahr. Superstark. Aber, und jetzt kommt’s: immer noch Beifahrer. [Die Klimadetektive] Jetzt wird’s spannend, versprochen. Es gibt inzwischen eine ganze Forschungsdisziplin, die

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