Was nützen Klimamodelle?

Das arktische Meereis und das unterschätzte Tempo der Natur

Am Nordpol stoßen die globalen Modelle auf eine andere Form der Abweichung, denn hier wurden die Veränderungen systematisch unterschätzt. Internationale Auswertungen unter enger Beteiligung der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und europäischer Polarforschungsinstitute zeigen, dass die Realität die Berechnungen rechts überholt hat. Das sommerliche arktische Meereis ging in den vergangenen vier Jahrzehnten je nach Messregion um 15 bis 40 Prozent schneller zurück, als es der Mittelwert der älteren CMIP5-Modellreihen prognostiziert hatte.

Selbst die neueren Modellarchitekturen unterschätzen das reale Abschmelzen immer noch um rund 10 Prozent. Die Ursache liegt in der extremen Komplexität nichtlinearer Rückkopplungseffekte. Wenn helles Eis schmilzt, legt es dunkles Ozeanwasser frei, welches mehr Sonnenenergie absorbiert und den Schmelzprozess weiter beschleunigt. Diese kleinskaligen thermodynamischen Prozesse und veränderten Windmuster exakt in globale Raster einzurechnen, überforderte lange Zeit die verfügbare Rechenleistung der internationalen Supercomputer.

Der Meeresspiegel zwischen globaler Präzision und lokalem Messrauschen

Die langfristige Betrachtung des Meeresspiegelanstiegs offenbart eine Zweiteilung zwischen globaler Makro-Physik und regionaler Mikrowelt. Im globalen Durchschnitt bewiesen die Modelle der 1990er-Analyse eine verblüffende Trittsicherheit. Der über drei Jahrzehnte mittels Satellitenaltimetrie gemessene Anstieg von etwa 3,2 Millimetern pro Jahr wurde von den frühen Modellen im Gesamtergebnis nur um knapp 10 Prozent, was etwa einem bis eineinhalb Zentimetern Abweichung entspricht, unterschätzt. Die thermische Ausdehnung des erwärmten Ozeanwassers wurde von den Wissenschaftlern von Anfang an korrekt berechnet, lediglich die Fließdynamik der großen Eisschilde in Grönland und der Antarktis war mathematisch noch nicht voll erfasst.

Gänzlich anders verhält es sich bei der Anwendung dieser Daten auf lokale Küstenabschnitte. Eine länderübergreifende Kooperationsstudie fand heraus, dass rund 90 Prozent der praktischen Küstenschutzanalysen die realen Wasserstände vor Ort im Schnitt um 30 Zentimeter unterschätzten. Dieser Fehler geht jedoch nicht auf das Konto der globalen Klimamodelle. Er entstand, weil lokale Planungsbehörden, insbesondere in Südostasien und im Pazifikraum, großskalige globale Durchschnittswerte unkritisch auf ihre Regionen übertrug, ohne hydrodynamische Küsteneffekte, Gezeitenänderungen oder die massive Absenkung des Untergrunds durch urbane Grundwasserentnahmen einzuberechnen.